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Ich bin dafür, daß sich die großen Lehrer und Kämpfer für die Solidarität ‚außer-
halb der Kirche‘ wie Karl Marx und Lenin noch im Grabe dafür bedanken, daß
sie aus dem christlichen Erbe von der unendlichen Würde des Menschen und des
Ebenbildes Gottes Kräfte ziehen durften, die sie befähigten neue Grundlagen
dafür zu erarbeiten, daß niemand den anderen wie eine Sache oder ein Tier als
Mittel zum Zweck benutzen darf.
Auch Fischer behauptet: „Der christlichen und marxistischen Konzeption der Gesell-
schaft liegen gemeinsame ethische Werte zugrunde.“20 Solche Aktualisierungen der
gemeinsamen humanistischen Bestrebungen von Christentum und Kommunismus
setzten freilich voraus, dass nicht nur die inhumanen Aspekte der Geschichte bei-
der Ideologien verdrängt werden, sondern auch die „Unversöhnlichkeit entgegen-
gesetzter Positionen“21 negiert wird. Wenn Akteure dieser Debatte sich um eine
Annäherung zwischen Kommunismus und Christentum bemühen – wie etwa Mate-
jka oder Heer –, werden diesbezügliche Differenzen nivelliert, wenn eine Abgren-
zung angestrebt wird – wie bei Mauer – werden sie unterstrichen.
Bekannter als die kommunistisch-katholischen Annäherungsversuche sind
die Bestrebungen westlicher Politiker, Brücken zur katholischen Kirche zu schla-
gen, wobei Atheismus und Materialismus des Sowjetregimes betont und verur-
teilt werden. Diese Position erlangte im österreichischen Ständestaat besondere
Bedeutung, dessen ‚christliche‘ Grundlage explizit gegen den Nationalsozialis-
mus und den Marxismus, aber auch gegen den Liberalismus gewendet war, wie
etwa der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß anlässlich seiner
Trabrennplatzrede deutlich machte:
So ist dem Zeitalter des Liberalismus ein Zeitalter der Willkür und der reinen
Macht, ein Zeitalter gefolgt, das seinem Ideengang nach nicht weniger materia-
listisch war, das ebenso ohne Gottes- und menschliche Gesinnung einfach rein
formalistisch, organisatorisch die Übel der damaligen Zeit heilen wollte. So kam
die Epoche des Marxismus, des brutalen Materialismus.22
20 Ernst Fischer: Koexistenz und Ideologie. In: Ders.: Kunst und Koexistenz. Beitrag zu einer
modernen marxistischen Ästhetik. Reinbek/H.: Rowohlt 1966, S.
33–82, hier S.
49. An anderer
Stelle lobt Fischer den Diskussionsbeitrag eines Priesters auf dem Weltfriedenskongress in
Wrocław Ende August 1948: „Und kaum weniger eindrucksvoll war die antiimperialistische
Rede eines Priesters aus Frankreich, der das Kapital als den Inbegriff des Materialismus, als
den Feind Gottes und des Menschen brandmarkte, [...]“. Ernst Fischer: Die gemeinsame Mensch-
heitssprache. In: Österreichisches Tagebuch 3 (1948) H. 18, Oktober, S. 1 f.
21 Walter Hollitscher: Materialismus-Diskussion in Graz . In: Tagebuch
10 (1955) H.
24, 3.12.1955,
S. 7 f.
22 Engelbert Dollfuß: [Rede am 11.9.1933 am Trabrennplatz in Wien]. In: Walter Kleindel: Urkund
dessen
...
Dokumente zur Geschichte Österreichs 996 bis 1955. Wien: Österr. Bundesverl. 1984,
S. 331–337, hier S. 332.
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192 5 Materialismus versus Christentum
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918