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Die Verurteilung des Kommunismus als atheistischer Materialismus findet sich
in der Propagandarhetorik des Kalten Krieges immer wieder, so etwa auch beim
US-Präsidenten Eisenhower.23 Der stimmgewaltigste Verfechter der Allianz von
westlicher Welt und Christentum war aber wohl der amerikanische Prediger
Billy Graham, der zum Kampf gegen den mit dem ‚Satan‘ verbündeten Kommu-
nismus aufrief.24 Die Abwehr des Atheismus verstärkte sich durch die Logik des
Kalten Krieges, wie Monique Scheer feststellt: „One of communism’s most sali-
ent features was its self-proclaimed atheism; by inverse conclusion, to be
anti-Communist (and therefore a ‚good American‘) was to be God-fearing.“25
In Deutschland – und ebenso in Österreich – war nach dem Zweiten Welt-
krieg das Bedürfnis nach Sinngebung und einer verlässlichen Geschichtsdeutung
besonders groß. Hinzu kam, dass die katholische Kirche den Ruf genoss, weni-
ger als andere Institutionen für die nationalsozialistische Indoktrination anfällig
gewesen zu sein.26 Sie bot zudem Deutungsmuster an, durch welche die Schre-
cken des Zweiten Weltkrieges eingeordnet werden konnten: „the cult of Mary
provided cultural resources for coping with war experience by providing inter-
pretative schemes with which to make sense of political events that ultimately
caused people to suffer greatly.”27 Der Krieg erschien als eine Sühne für die fort-
schreitende Säkularisierung im Laufe der Moderne: „From the Catholic point
of view in Germany after 1945, Nazism had been the logical extreme of a gene-
rally anthropocentric trend that had begun with the Renaissance – or, at the
latest, with the French Revolution.“28
Dieser anthropozentrische Trend sei verbunden gewesen mit einer Aufwer-
tung der Empirie, der Materie und der ‚Naturkräfte‘ – bis hin zur Konzeption
des Menschen als eines ‚Produzenten‘ oder ‚Motors‘ dieser Naturkräfte. Aus der
christlichen Perspektive wird das Zeitalter der Produktionssteigerung mittels
des ‚Motors Mensch‘ wegen seiner Vernachlässigung spiritueller, moralischer
und ‚ewiger‘ Werte scharf verurteilt. Für diese Vernachlässigung stand die The-
orie des wissenschaftlichen Materialismus, die
23 Vgl. Whitfield: The Culture of the Cold War, S. 90.
24 Vgl. ebd., S. 77–82.
25 Monique Scheer: Catholic Piety in the Early Cold War Years, or How the Virgin Mary Protec-
ted the West from Communism. In: Annette Vowinckel, Marcus
M. Payk, Thomas Lindenber-
ger (Hg.): Cold War Cultures. Perspectives on Eastern and Western European Societies. New
York, Oxford: Berghahn 2012, S. 129–151, hier S. 129.
26 Ebd., S. 130. Dieses Bild bedingte, dass noch Rolf Hochhuths Drama Der Stellvertreter (1963)
als provokante Darstellung der katholischen Kirche aufgenommen wurde.
27 Ebd., S. 133.
28 Ebd. Das Dreieck Kommunismus, Amerikanismus, Katholizismus 193
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918