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[…] zentral für die vielen utopischen gesellschaftlichen und politischen Ideologi-
en des frühen 20. Jahrhunderts [war]: Taylorismus, Bolschewismus und Faschis-
mus. Obgleich in unterschiedlicher Weise, betrachteten alle diese Bewegungen
den Arbeiter als eine Maschine, die der unendlichen Produktivität fähig ist und
die, wenn sie in Besitz des wahren Bewußtseins ist, unempfindlich gegenüber Er-
müdung ist. Diese Bewegungen begriffen den Körper sowohl als eine Produktiv-
kraft als auch als ein politisches Instrument, dessen Kräfte wissenschaftlich ent-
worfenen Organisationssystemen unterworfen [werden] können.29
In Anbetracht der Tatsache, dass sowohl in kapitalistischen als auch in kommu-
nistischen Wirtschaftssystemen, sowohl in demokratischen als auch in diktato-
rischen Regimen auf den wissenschaftlichen Materialismus zurückgegriffen
wurde, wird die Bedeutung des katholischen Antimaterialismus im Nachkrieg-
sösterreich verständlich: Er behauptete eine Gegenposition sowohl gegenüber
dem nach 1945 diskreditierten Hitlerfaschismus als auch gegenüber dem vom
Großteil der Österreicher abgelehnten Sowjetkommunismus, gleichzeitig aber
auch eine kritische Distanzierung vom Gesellschaftsmodell der westlichen Besat-
zungsmächte im Allgemeinen und der Amerikanisierung im Besonderen. Diese
Kritik am US-Einfluss besonders durch Medien und Kulturgüter manifestiert
sich nicht zuletzt in der übereinstimmenden Ablehnung sogenannter
Schmutz-und-Schund-Literatur durch SPÖ, ÖVP und KPÖ.30
Angesichts dieser diskursiven Rahmenbedingungen überrascht es nicht, dass
sich unter den literarischen Texten im Nachkriegsösterreich, die politische The-
men aufgreifen, auffällig häufig solche finden, die mit christlich-katholischen
Positionen operieren und in diesem Sinne irdisches Machtstreben, Atheismus,
die Negation der individuellen Seele und das Primat materieller oder sinnlich
erfahrbarer Werte kritisieren. Die Inkommensurabilität von ‚Mensch‘ und ‚See-
le‘ wird dabei gegen die moderne Technik ausgespielt, mit der beide Kal-
ten-Kriegs-Mächte sich hervortaten. Dehumanisierung als Entfremdung im
Marx’schen Sinn wird aber auch von sozialistischen und kommunistischen Auto-
rinnen und Autoren verurteilt. Diese unterschiedlichen Positionen innerhalb
des Materialismusdiskurses, der in der österreichischen Literatur des Kalten
Krieges eine zentrale Stellung einnimmt, sollen im Folgenden genauer darge-
stellt werden.
29 Anson Rabinbach: Motor Mensch: Kraft, Ermüdung und die Ursprünge der Moderne. Aus dem
Amerikanischen v. Erik Michael Vogt. Wien: Turia + Kant 2001, S. 12.
30 Vgl. Oliver Rathkolb: Die katholische Kirche und die politische Kultur der Zweiten Republik.
In: Pia Janke (Hg.): Ritual. Macht. Blasphemie. Kunst und Katholizismus in Österreich seit
1945. Wien: Praesens 2010, S. 15–32, hier S. 20.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918