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Der andere Kalte Krieg: Das Christentum im Kampf mit dem Totalitarismus
Massensterben und Auferstehung des Individuums:
Kurt Becsi: Russische Ostern (1959)
„For many who lived through the period, the Cold War was one of history’s gre-
at religious wars, a global conflict between the god-fearing and the godless.“31
Dieser Befund Dianne Kirbys lässt sich mit einem Blick auf die österreichische
Literatur des Kalten Krieges stützen, da sich zahlreiche Texte finden, die den
fundamentalen Konflikt ihrer Gegenwart nicht als die Gegnerschaft zwischen
Kapitalismus und Kommunismus oder zwischen Demokratie und Diktatur
beschreiben, sondern als Kampf zwischen Christentum und Atheismus.32
Das Drama Russische Ostern (UA: Wien/München 1959)33 des Wiener Dra-
maturgen und Sekretärs der österreichischen UNESCO-Kommission,34 Kurt
Becsi,35 greift diesen Konflikt auf, indem es zwei sowjetische Biologen einem
Konvent russisch-orthodoxer Mönche gegenüberstellt, die nach der Oktoberre-
volution nach Norwegen emigriert sind. Die atheistischen Wissenschaftler suchen
im abgelegenen Kloster Unterkunft, um das rätselhafte Verhalten großer Rudel
von Lemmingen zu erforschen, die gemeinsam ins offene Meer schwimmen, wo
sie dann ertrinken.36 Im Drama konkurrieren die Deutungsversuche der Wis-
senschaftler und der Geistlichen miteinander, die dieses Massenphänomen und
seine Selbstzerstörungskraft ebenfalls beobachten. Der jüngere der beiden Wis-
senschaftler namens Marakow lässt sich im Verlauf der Handlung von der Rich-
tigkeit der religiösen Anschauungen überzeugen und wird in der Folge seines
31 Dianne Kirby: Religion and the Cold War – An Introduction. In: Dies. (Hg.): Religion and the
Cold War. Basingstoke [u.a.]: Palgrave Macmillan 2003, S. 1–22, hier S. 1.
32 Evelyn Deutsch-Schreiner erwähnt etwa auch ein „antikommunistisches Thesenstück Selig
sind die Verfolgten“ von der österreichischen Schauspielerin und Autorin Tony van Eyck
(10.9.1952, Bühne in der Sezession), „das eigens für den Katholikentag in der Sezession pro-
duziert wurde“. Deutsch-Schreiner: Theater im ‚Wiederaufbau‘, S.
229 u. 307. Ein Bericht findet
sich in der Wiener Zeitung, 13.9.1952, S. 6.
33 Kurt Becsi: Russische Ostern. Schauspiel in drei Akten [UA: 1.
April 1959, Die Tribüne]. Wien,
München: Wedl [1958] [im Folgenden abgek. RO].
34 Becsi war in dieser Funktion an der Theatersubventionierung in Österreich beteiligt. Vgl.
Deutsch-Schreiner: Theater im ‚Wiederaufbau‘, S. 280.
35 Vgl. Eva Weisz: Becsi, Kurt. In: Literatur-Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Hg.
v. Walther Killy. Bd.
1, A–Bis. Gütersloh [u.a.]: Bertelsmann-Lexikon-Verl. 1988, S.
389
f., hier
S.
390. Zu weiteren Werken Becsis vgl. Wilhelm Bortenschlager: Kurt Becsi: Dramatiker einer
neuen Weltsicht. Innsbruck: Wagner 1981.
36 Ein Bericht über dieses Phänomen im Wiener Kurier vom 31. August 1953 dürfte Becsi als
ein Anstoß für das Drama gedient haben. Dieser wird auch im gedruckten Dramentext zitiert.
Vgl. Becsi: Russische Ostern, S. 12.
Der andere Kalte Krieg: Das Christentum im Kampf mit dem Totalitarismus 195
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918