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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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ma zitiert.38 Die sowjetischen Wissenschaftler hingegen verstehen es als einen – durch biochemische Mittel überwindbaren – Mangel der Natur, der ihnen die Möglichkeit zu experimenteller Wissenserweiterung gibt. Das wissenschaftliche Streben der Sowjets erscheint im Drama als verdammenswerte menschliche Hybris, die für die kommunistische Auffassung einer Welt ohne Gott charakte- ristisch ist. Marakow, der junge Wissenschaftler, der im Laufe des Dramas durch den Kontakt mit den Mönchen einen Sinneswandel durchläuft, lässt die biochemi- schen Erklärungsversuche für den Massenselbstmord der Lemminge schließlich fallen und versucht das Phänomen mehr und mehr durch das Fehlen eines geis- tigen Gegengewichts zum Streben nach materiellem Wohlstand, das unter den Zielen der kommunistischen Ideologie weit vorne steht, zu erklären: „In weni- gen Jahrzehnten wird es den Menschen wie den Lemmingen geschehen, die in den Bergen genügend Nahrung finden und plötzlich unzufrieden alles verlassen, um den Todesmarsch anzutreten.“ (RO 70) Während Marakow hier die materi- elle Übersättigung für das Massensterben verantwortlich macht, wird die Kol- lektivbildung im Drama aber immer wieder grundsätzlich als höchst bedrohli- che, die Substanz des Menschen zerstörende Dynamik beschrieben, besonders drastisch in einer alptraumartigen Vision der Mönche, in der sie zu einer bloßen Fleischmasse degenerieren: In Ebenen, seltsamen Weiten hingen wir einander in den Armen, und jeder von uns war gleich dem anderen, ein Teil von ihm, ein Teil des Ganzen, und unser Begehren, unsere Liebe zueinander, sie war so groß, daß wir zusammenwuchsen, in den Hüften, wie Trauben. Zwei zu vier und vier zu sechzehn und immer weiter. So verloren wir unsere Glieder, Arme, Beine, Rumpf, nur unsere Köpfe blieben, die kleiner wurden, bis sie schließlich ganz verschwanden. Da war nichts mehr als eine einzige fleischige Flechte weit über die Erde! (RO 66) Dieses ent-individualisierende Moment der Masse, das mit der Revolution – in ihrer faszinierenden und erschreckenden Ambivalenz – assoziiert ist, verleitet nicht nur die Lemminge zum Selbstmord, sondern scheint auch in der mensch- lichen Gesellschaft – etwa in Kriegszeiten – zu wirken, wo er den Einzelnen dazu bringt, jeden „kritischen, prüfenden, schöpferischen Geist“ (RO 82) aufzugeben: 38 Vgl. zb: Der Todeszug der Lemminge. Millionen von Wühlmäusen stürzen sich ins Meer. In: Wiener Kurier, 31.8.1953, S.  2. Vgl. Bortenschlager: Kurt Becsi, S.  81, wo behauptet wird, dass der Wiener Kurier auch am 12.  Juni 1953 einen ähnlichen Bericht veröffentlicht hätte, was aber nicht verifiziert werden konnte. Zur Übernahme dieses Themas im Drama, vgl. RO 18  f. Der andere Kalte Krieg: Das Christentum im Kampf mit dem Totalitarismus 197
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
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