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Der Sieg der unsichtbaren Macht gegen das totalitäre Regime: Helmut Schwarz:
Die Beförderung (1961)
Ein anderes Thesenstück und Wandlungsdrama eines jungen Nachkriegsautors,
der mit Becsi befreundet war,45 stellt ebenso wie Russische Ostern den Katholi-
zismus als Antipode eines „der totalitären Systeme von heute“46 dar, das durch
Atheismus, absoluten Gehorsamsanspruch, Folter und die Ermordung von Regi-
mekritikern gekennzeichnet ist. Ebenso wie in Russische Ostern wird in Helmut
Schwarz’ Die Beförderung ein junger Protagonist im Handlungsverlauf vom
Anhänger dieses atheistischen Regimes zum bekennenden Christen und auch
er bezahlt sein Bekenntnis mit dem Tod.
Helmut Schwarz übernahm 1949 im Alter von 21 Jahren die Leitung des Wie-
ner „Theaters der 49“ und wurde elf Jahre später zum Leiter des Reinhardt-Se-
minars, der renommiertesten österreichischen Schauspielschule, bestellt. Der
Protagonist seines 1961 uraufgeführten Stückes ist ein junger Leutnant, der sich
durch Intelligenz, Strebsamkeit und Willenskraft hervortut. Diese Eigenschaften
konkretisieren sich jedoch innerhalb des totalitären Regimes, das im Gegensatz
zu Russische Ostern nicht explizit als Sowjetunion benannt wird, in Form von
Grausamkeit, Berechnung und Unmenschlichkeit. Dem Leutnant winkt eine
Beförderung zum Kommandanten und in weiterer Folge eine Karriere bis hin
zum Gouverneur, sofern er sich in einem Test bewährt, der seine Linientreue
überprüfen soll. Dabei war der Held ursprünglich ein hoffnungsvoller Priester-
seminarist, den sein Lehrer, Pater Leonardo, zu den „Erwählten“ (B 61) zählte.
Die Demütigung der kirchlichen Ordensträger durch das atheistische Regime,
die vermeintliche Flucht seines Lehrers und Gottes offenbare Gleichgültigkeit
gegenüber der Ungerechtigkeit und der Gewalt im totalitären Staat haben ihn
aber dazu bewogen, die Seiten zu wechseln und eine militärische Karriere zu
verfolgen. Er verlässt auf Geheiß der Partei seine junge Braut, die dadurch auf
die schiefe Bahn gerät, denunziert seinen Bruder, der unschuldig getötet wird
und stürzt so seine Mutter in Verzweiflung. Er wird zum Eiferer des mörderi-
schen Regimes und soll nun seine Standhaftigkeit gerade in der Konfrontation
mit Personen, die er verraten hat, beweisen. Durch die Gespräche mit diesen
Personen im Rahmen seiner Prüfung überdenkt er allerdings sein Leben und
erkennt, dass sein Bruder unschuldig war und sein Lehrer keineswegs geflohen
Baberowski skizziert den bis heute andauernden Diskurs, der Moderne und Gewalt in Verbin-
dung bringt und plädiert für eine Differenzierung zwischen den unterschiedlichen Formen von
Gewalt in der Moderne und der Beachtung vormoderner Quellen der Gewalt im 20.
Jahrhundert.
45 Vgl. Bortenschlager: Kurt Becsi, S. 88.
46 Helmut Schwarz: Die Beförderung. Schaupiel. Praktisches und theoretisches Theater. [UA: 1961
im „Kleinen Theater im Konzerthaus“]. Eingeleitet von Heinz Gerstinger. Graz, Wien: Stiasny
1963 [im Folgenden abgek. B], S. 21.
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200 5 Materialismus versus Christentum
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918