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drückt werden. Brown erkennt darin eine lebenswerte Alternative und schließt
sich den Christen an. Die Handlung endet mit einem hoffnungsvollen Ausblick
auf eine ferne, aber sichere Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen im
Sinne einer basalen christlichen Ethik.
Die gewalttätige Zurichtung und Unterdrückung der Menschen im herrschen-
den System der Dystopie entspricht jener „Technik des Terrors“, die Heer in
einem zur selben Zeit publizierten Artikel in der von ihm herausgegebenen
Wochenzeitung Die österreichische Furche beschreibt. Dieser „moderne
Terror“
[…] ist nicht Tat eines Einzelnen, seines Temperaments, seiner persönlichen
Grausamkeit und als solche vorübergehend, sondern vielmehr permanente Tech-
nik im Dienste eines kühl rechnenden, weitplanenden Willens. Hohe Rationalität
und Wissenschaftlichkeit begründen Taktik und Technik dieses Terrors.56
Zu den geistes- und ideologiegeschichtlichen Voraussetzungen dieses Terrors
gehören für Heer neben Machiavellis Theorie der Machtaneignung
[…] die mechanistischen rechts- und linksradikalen Weltanschauungen des 19.
und 20. Jahrhunderts. Sie übersetzen Darwin, die moderne Biologie und Technik
ins Politische: die Menschheit kann, wie jede Pflanzen- und Tiergattung, einem
gelenkten Zucht-Auslese- und Auswahlprozeß unterworfen werden.57
Der Ausdruck „mechanistisch“ schließt an René Descartes an, der mechanische,
quasi maschinell bewegte Körper von der Ebene der göttlichen Seele abhebt, die
nur dem Menschen, nicht aber dem Tier zukommt.58 Die mechanistische Deu-
tung der Lebewesen wäre demnach eine Negation der spirituellen Dimension.
Auch bei Darwin wird eine Funktion des christlichen Schöpfers, nämlich die
spezielle Schaffung der einzelnen Arten, negiert. Mechanik sowie „moderne
Biologie und Technik“ stehen so jeweils für die Suspendierung der göttlichen
Instanz. Auf diese freilich gründen sich das Verbot der menschlichen Hybris
und eine Ethik, die als Rückhalt gegen jene Terrormethoden dient, die Heer auch
mit dem nationalsozialistischen System verbindet:
‚Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde‘ wollte Hitler seine
56 [Heer:] Tat und Technik des Terrors, S. 1.
57 Ebd.
58 Vgl. zur Kritik dieses Gegensatzes von kommunistischer Seite: Walter Hollitscher: Die seelen-
vollen Tiere des Tierpsychologen Konrad Lorenz. In: Tagebuch 10 (1955) H. 23, 19.11.1955,
S. 5 f.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
204 5 Materialismus versus Christentum
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918