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Nummern angesprochen werden und „uniformartige Kleidung in hellem Dril-
lich“ (ebd.) tragen. Trotz der haarsträubenden Verhältnisse wird die Äußerung
von Zufriedenheit eingefordert. Es existiert eine Hotelpolizei mit Maschinen-
pistolen und Notizbüchern, deren Beamte als „Hausfreunde“ bezeichnet werden.
Mit Elektroschocks arbeitende Psychologen heißen „Seelenfreunde“. Die Ein-
wohner und Betreiber des Hotels werden als „Optimisten“ bezeichnet. Ein solch
groteskes Nebeneinander aus ambitionierten Bauprojekten einerseits und zivi-
lisatorischer Rückständigkeit andererseits, aus optimistischer Ideologie einer-
seits und Hunger und Massensterben andererseits charakterisierte auch die Sow-
jetunion der 1930er- und 1940er-Jahre, wie Karl Schlögel feststellt,83 obwohl
diese nicht das alleinige Ziel von Kühnelts Kritik ist.84
Die Begründung für die Dezimierung der Gesellschaftsmitglieder ist in
Kühnelts Stück krude sozialdarwinistisch: „DIREKTOR: Was ist die Grundidee
des Hotels? / EMPFANGSCHEF: Die Auslese der Parteimitglieder. Die Starken
bleiben, die Schwachen krepieren. Ergebnisse auf die Lochkarten gestanzt, sach-
lich, ohne Gefühl.“ (O 5) Die Signatur der ‚Sachlichkeit‘ wird in dieser Dystopie
Moral und Ethik vorgezogen, was aber eher als ein Kennzeichen der Moderne
im Allgemeinen als speziell des Sowjetkommunismus gewertet werden muss.
Der Dramentext wendet sich so vordergründig gegen ein System, das im Sym-
bol des „Hotels“ sinnfällig wird und das auffällige Parallelen zu Charakteristika
des Sowjetregimes aufweist, durch seine Fokussierung auf die Materialismus-
und Modernekritik allerdings fließende Grenzen zur modernen westlichen Kul-
tur erzeugt. Besonders deutlich wird dies gegen Ende des siebten und im achten
Bild, nachdem eine ‚Revolution‘ der Hotelgäste gegen die Hotelführung stattge-
funden hat.
Die Handlung zeigt zunächst den erschreckenden ‚Alltag‘ innerhalb des Hotels,
der aus Hunger, Tod, Angst vor Denunziation, rigiden Regelungen, psychophy-
sischen Maßnahmen gegen deviante Personen sowie einer abstrusen Sprachpra-
xis besteht, die sich auf eine zynisch erscheinende Weise von der Erfahrungswelt
der Figuren abhebt. Unter der Anleitung einer Figur, die „der Mann von oben“
genannt wird, entsteht zunehmend Unmut unter den ‚Hotelgästen‘, da dieser die
Angst vor dem Regime verringert und gegenseitige Unterstützung und gewalt-
losen Widerstand fördert. Auf diese Weise werden einerseits die Lebensbedin-
gungen besser, da kreative Möglichkeiten der Zusatzernährung gefunden und
83 Vgl. Schlögel: Terror und Traum.
84 In der früheren Version des Dramas, die in einer Fassung vom 14.8.1972 vorliegt, wird noch
deutlicher, dass ein ganz allgemein gedachter totalitärer Staat in der Allegorie dargestellt ist,
da der Empfangschef des Hotels sich über den Staat wie folgt äußert: „Kommunisten und Spi-
one werden ausgemerzt, für die innere Abwehr geben wir ebensoviel Milliarden aus wie für die
Rüstung.“ Friedrich Kühnelt: Die Optimisten. Schauspiel. Fassung vom 14.8.1972. Typoskript.
Wien, München: Sessler [im Folgenden abgek. OP], S. 7.
Materialismuskritik als dritte Position 213
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918