Page - 214 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 214 -
Text of the Page - 214 -
motorische und kommunikative Fähigkeiten eingeübt werden, die das Überle-
ben im Hotel und seinem System sichern. Andererseits werden so emotionale
und geistige Fähigkeiten ausgebildet, die der Text in Gegensatz zum System des
Hotels bringt, in dessen Zentrum ein Computer steht. Kühnelts Drama argu-
mentiert auf diese Weise, dass eine Entpersonalisierung und Automatisierung
von Steuerungsprozessen mit Inhumanität und Gewalt gegen die Einzelnen ein-
hergehe. Dies wird auch durch die Büste des Staatschefs symbolisiert, die nur
aus einem Sockel besteht:
EMPFANGSCHEF: [...] (Er zieht seinen Prospekt aus der Tasche, wendet sich an
die Familie und liest vor) ‚Im Mittelpunkt der Halle das imposante Denkmal des
Generals!‘
DIREKTOR: Es könnte auch Denkmal des Präsidenten heißen.
EMPFANGSCHEF: (liest weiter vor) ‚Die wahren Optimisten sind dankbar dafür,
nicht zu wissen, von wem sie regiert werden! Daher überhaupt kein Kopf und
keine Figur auf dem Sockel.‘
DIREKTOR: (etwas sarkastisch) Jeder kann sich vorstellen, was und wen er will.
(O 10)
Später erklärt der Direktor gegenüber dem ‚Mann von oben‘, seinem Gegenspie-
ler, dass die Organisation des Staates als einem depersonalisierten, gedankenlo-
sen ‚Apparat‘ zweckmäßig und zu befürworten sei:
DIREKTOR: (steht auf) Ich führe das Programm der Regierung durch.
MANN VON OBEN: Ich kenne die Regierung nicht.
DIREKTOR: Eben! Niemand kennt sie! Der Apparat ist anonym! Umsomehr ist
sein Programm zu befolgen! Das Denkmal ohne Kopf ist nicht so lächerlich, wie
Sie glauben! Sie widersetzen sich dem Hotel und das Hotel ist der Staat! – Was soll
aus den Leuten werden, die Sie zum Denken verleiten?
MANN VON OBEN: Sie werden freier leben.
DIREKTOR: Wer will das schon? (O 71)
Der „Mann von oben“ steht für Freiheit durch persönliche Autonomie und emo-
tionale Fähigkeiten. So trägt er etwa nicht die Uniform der Optimisten, beginnt
eine Beziehung mit einer jungen Hotelbewohnerin und ermuntert sie auch, ihre
Namen auszutauschen und so das Gebot zu unterlaufen, die Identität nur durch
Nummern anzugeben. Er ermutigt die anderen Hotelgäste, sich dem ideologi-
schen Diktat zu widersetzen und ‚verleitet‘ sie „zum Denken“ (O 71). Er kämpft
gegen ein automatisiertes System, in dem Menschen wie Rädchen oder Tiere
funktionieren:
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
214 5 Materialismus versus Christentum
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918