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das alte Regime stets verkündete, aber nie erfüllte. Die materielle Situation der
‚Optimisten‘ wird schlagartig gebessert, ihre geistige Unfreiheit aber dadurch
nur verstärkt. In einer Regieanweisung wird die Situation nach dem Umsturz
folgendermaßen beschrieben:
Es herrscht der Eindruck eines modernen Schlachthauses, die schwenkbaren
Wandlampen beleuchten eine unfreiwillige und lärmende Fastnachtsveranstal-
tung, eine Freßorgie, die immer wieder vom Orgelchoral übertönt wird; mehrere
stählerne Tische sind mit den besten Speisen und Getränken im Überfluß ge-
deckt. (O 78)
Der neue Direktor hält eine Rede, in der er Terror und Morde der vorhergehen-
den Phase als Fehler bezeichnet, jedoch zugleich einen Katalog teils absurder,
teils bedenklicher Einengungen der persönlichen Rede- und Gedankenfreiheit
einführt:
Es sind Fehler gemacht worden, sie wurden ausgemerzt! Endlich entspricht das
Hotel der Optimisten genau dem Prospekt und wenn nun voll Dankbarkeit euer
persönliches Nichts in der reinen Idee der Partei aufgehen soll, – dann muß euch
diese Partei auch die nötige Sicherheit geben! Bekleidung! Essen und Trinken! [...]
Ab heute, meine Freunde, denkt der Staat für euch. [...] Regimegegner sind anzu-
zeigen! Religionsgründungen und ansteckende Krankheiten sind verboten! (Bei-
fall, Bravorufe) Staatsfeindliche Ideeologien [sic] und Liebeskummer sind verbo-
ten! (Beifall, Bravorufe) Subversive Äußerungen gegen das Hotel und Nacktbaden
sind verboten! (Stürmischer Beifall, Gelächter) Jegliche Gruppenbildung, das
Abhören ausländischer Sender, jeder Kontakt mit dem Ausland und freies Auss-
pucken sind strengstens verboten! (Grenzenloser Beifall, in den sich das Dröhnen
der landenden Hubschrauber mischt.) (O 83 f.)
Der Umsturz erweist sich als Systemverbesserung, die aber nur die Steigerung
des materiellen Lebensstandards betrifft. Damit wird einerseits analog zu den
Entstalinisierungsbestrebungen im Kommunistischen Lager nach dem XX. Par-
teitag der KPdSU eine Reform dargestellt, die an der antidemokratischen Staats-
bzw. Hotelorganisation keine grundsätzliche Änderung vornimmt.
Andererseits wird auch das kapitalistische System in die Kritik miteinbezo-
gen. Die Hubschraubergeräusche, die sich in die willfährige Beifallsbekundung
der Masse mischen, indizieren weiteren technischen Fortschritt und das Fort-
bestehen der Fremdbestimmtheit der Individuen, die durch totalitäre Gesetzge-
bung und technisch unterstützte Überwachung jeglicher Freiheit, selbst des
„Nacktbadens“, beraubt werden. Der neue materielle Wohlstand wird metony-
misch dadurch angezeigt, dass die Polizisten nunmehr „kaugummikauend“ (O
Materialismuskritik als dritte Position 217
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918