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78 u. 85) die Bevölkerung überwachen, wobei Kaugummis vor allem als Produkt
aus den USA nach dem Weltkrieg in Österreich bekannt wurden.91 Ein Ziel der
US-Kulturpolitik in Europa war es, die Darstellung der amerikanischen Kultur
als einer infantilen, Kaugummi kauenden, Coca-Cola, Comics und ‚soap operas‘
konsumierenden Nation zu widerlegen.92 Reinhold Wagnleitner beschreibt die
Bedeutung von amerikanischen Gütern für die Jugendkultur im Europa der
1950er-Jahre, so etwa Bluejeans, T-Shirts, amerikanische Comics und Filme,
aber auch Coca-Cola und Kaugummi.93 In Die Optimisten werden nach dem
‚Systemumsturz‘ Güter an die Bevölkerung ausgeteilt, die ebenfalls an US-Waren
erinnern: „der Sohn in schwarzem Lederzeug trägt große Stereokopfhörer zum
Transistorgerät und eine Maschinenpistole aus Plastik“. (O 79)94 Angesichts der
westlich konnotierten Gebrauchsgegenstände in Die Optimisten wird deutlich,
dass in diesem Drama nicht die politische Kritik am kommunistischen Regime
an erster Stelle steht, sondern die Kritik an einer materialistischen Gesellschaft,
die darüber alle anderen Werte vernachlässigt. So resümiert denn auch der ‚Mann
von oben‘ am Ende: „Also nichts mehr vom lieben Gott.“ (O 85)
Religion gegen den Atomkrieg – Rudolf Geist: Augenzeuge Menschheit (1949)
Unter den österreichischen Texten, die durch grundsätzliche Materialismus- und
Säkularisierungskritik die bipolare Struktur des Kalten Krieges unterlaufen, ist
auch das ungedruckte Romantyposkript Augenzeuge Menschheit. Ein Roman von
91 So bringt Hugo Huppert in USA-kritischer Lyrik die westliche Kultur mit dem Kaugummikau-
en in Verbindung: „Wer stört ihr gummikauendes Geplauder? / Nicht Hofmannsthal, nicht
Richard Strauß noch Reinhardt. / Kein Kunstwerk zeugt hier reinigenden Schauder; / die Kunst
prallt ab von Schädeln, hohl und steinhart.“ Hugo Huppert: Vom Salzburger Festspiel [1954].
In: Ders.: Georgischer Wanderstab. Ein Buch west-östlicher Zeitgedichte. Berlin: Volk und
Welt: 1954, S. 186–188, hier S. 188.
92 Vgl. Caute: The Dancer Defects, S. 542.; s. auch: Eckhart Gillen: Feindliche Brüder? Der Kalte
Krieg und die deutsche Kunst. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung 2009, S. 17. Zum
Zusammenhang der abschätzigen Kulturkritik an amerikanischen Gütern wie Kaugummi und
Antiamerikanismus vgl. Jean Améry: Geburt der Gegenwart. Gestalten und Gestaltung der
westlichen Zivilisation seit Kriegsende. Olten, Freiburg/B.: Walter-Verl. 1961, S. 101.
93 Reinhold Wagnleitner: Die kulturelle Reorientierung Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg.
Prolegomena zum Phänomen der symbolischen Penetration. In: Zeitgeschichte 11 (1983)
H. 6/7, S. 326–344, hier S. 339.
94 Zur Kritik von Spielzeugwaffen aus den USA vgl. N.N.: Aktion TOT oder Spiel mit dem Kin-
derleben. In: Tagebuch 6 (1951) H. 7, 31.3.1951, S. 4. In der Version von 1972 ist der Sohn
der Familie im Mittelpunkt der Handlung von den Hausfreunden begeistert: „Die sind in Ord-
nung! Wie im Kino! Peng,peng,peng!“ (OP 35) Damit wird ebenfalls die moderne Kulturin-
dustrie kritisiert, die besonders mit US-amerikanischen Produkten assoziiert war.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918