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Strukturen (die nicht auf kommunistische oder kapitalistische Systeme beschränkt
werden) zum Missbrauch eines allzu tiefgreifenden Wissens über die elementa-
ren Kräfte der Natur neigen. Serjewtschikowa wird als positives Beispiel einer
Wissenschaftlerin gezeigt, die technisches Fortschrittsstreben zum Wohl der
Menschheit einsetzt, jedoch Gott als übergeordnete Instanz akzeptiert. Zugleich
ist sie als ‚Kind zweier Welten‘ auch eine messianische Figur, die den Ost-West-
Konflikt überbrückt:
Rosa Serjewtschikowa, der ungeheure, bestrebte und gute Mensch, das sla-
wisch-angloamerikanische Kind einer konsequenten revolutionären Mutter und
eines fehlbaren, aber gutartig bürgerlichen Wissenschaftlers – sie hat, ein Herz
ohne Haß, den Tod der Menschheit nicht hinnehmen können, und Gott in seiner
Gnade gab ihr den Gedanken und das Mittel, die Menschenart und vielen Lebens
Arten dem Tode zu entreißen. (AM 329)
Serjewtschikowa verzichtet, als sie die Gefahren technischer Fortschritte erkennt,
schlussendlich auf weitere Forschungen, indem sie das ‚transoptische Gerät‘ zer-
stören lässt (vgl. AM 418–430). Sie erklärt, dass diese Wendung gegen die eige-
ne Arbeit religiös motiviert war: „Ich sah Himmel und Hölle, Weltuntergang
und Welterrettung; und was ich je tat, war der Ausdruck meines Weges von der
Wissenschaft zur Demut. Viel irrte ich, viel hoffte ich, alles Rechte war mein
Wille.“ (AM 406) Vor dem Hintergrund des Diskurses über faustische und pro-
methische Wissenschaftlerfiguren im Zusammenhang mit der Entwicklung von
Kernwaffen (vgl. Kapitel 8: Die atomare Bedrohung) erscheint Serjewtschikowa
gerade als Frau als eine Gegenfigur, die nicht gegen den Schöpfer aufbegehrt,
sondern als ‚Gottesmagd‘ konzipiert wird; ein gläubiger Kollege – Babakutschin,
der Leiter der Forschungsstation – versichert ihr: „Gott wird sein Wunder tun!
Er wird dich rufen, glaube mir. Du wirst seine Magd sein […].“ (AM 354) Spä-
ter hört sie tatsächlich eine Stimme: „Der Herr hat dich auserwählt, als Frau und
Mutter, dem Leben zu dienen!“ (AM 393)
Auch die globale Friedensutopie am Ende des Textes steht im Zeichen der
Religion. So erklärt Babakutschin den Überlebenden nach dem dritten Welt-
krieg: „Großes melden soll die Religion, kleines das Gesetz, weniges der Mensch,
nichts die Macht! Das soll gelten, geschrieben oder ungeschrieben.“ (AM 434)
Und noch deutlicher: „Es fehlte das Christentum, das durch kein Ideal zu erset-
zen war, durch keines zu ersetzen ist, nicht durch Politik und ihre Ideale, nicht
durch Freiheitssinn und seines hellen Wissens Wollen.“ (AM 433) Politik sowie
politisch auswertbarer wissenschaftlich-technischer Fortschritt werden inner-
halb dieses Textes insgesamt gegenüber der Religion im Sinne einer humanisti-
schen Gesinnung abgewertet.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
220 5 Materialismus versus Christentum
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918