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Bewegung in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg bestens vertraut. Zu den
wichtigsten Zielen katholischer Publizisten gehörte neben der personellen und
ideellen Reorganisation des Pressewesens die Rückgewinnung von Vermögen
katholischer Pressvereine, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wor-
den waren. Die Haltung des Katholizismus gegenüber dem Nationalsozialismus
steht in den Nachkriegsjahren wenig verwunderlich im Zeichen der Abgrenzung.
Opfer- und Widerstandmythos wurden auch im Bereich der österreichischen
Katholiken gepflegt.99 War zuerst noch die „Bekämpf[ung] des Gottlosentums u.
des Bolschewismus“100 ein verbindendes Element, wurde nach Ende des Zweiten
Weltkrieges der Nationalsozialismus selbst von der Kirche als ‚gottlos‘ erkannt.
Die Abkehr vom Nationalsozialismus und die Bekehrung zum Katholizis-
mus101 stellt auch in Gamillschegs Roman Die Getäuschten die Hauptachse der
Handlung dar. Der Text schildert das Leben eines österreichischen Leutnants
der deutschen Wehrmacht namens Fritz Ernst Büheler in einem sowjetischen
Kriegsgefangenenlager und dessen Rückkehr nach Österreich. Büheler definiert
sich nach seiner Rückkehr explizit als Österreicher, eine verbreitete Strategie,
um die Schuld am Zweiten Weltkrieg allein Deutschland zuzuordnen. Als sol-
cher bevorzugt er die Westmächte im Kalten Krieg aus pragmatischen Gründen,
da diese Österreich durch den Marshallplan wirtschaftlich unterstützten. Dar-
über hinaus waren auch die Kriegsgefangenen der US-Amerikaner wesentlich
früher entlassen worden als diejenigen in den sowjetischen Lagern (vgl. GT
310 f.). Dort waren Büheler und seine Kameraden über die Zustände in Öster-
reich belogen und getäuscht worden, darauf spielt auch der Titel des Romans
an, wiewohl das nicht dessen einzige Referenz ist.102
99 Zu den Kontinuitäten vor und nach 1945 in der österreichischen katholischen Kirche vgl. Ste-
fan Moritz: Grüß Gott und Heil Hitler. Katholische Kirche und Nationalsozialismus in Öster-
reich. Wien: Picus 2002. Zur Abwehr des Hitlerfaschismus als „Gegenreformation“ durch die
österreichische katholische Bewegung vgl. Karl Schwarz: ‚... wie verzerrt ist nun alles!‘ Die
evangelische Kirche und der Anschluß Österreichs an Hitlerdeutschland im März 1938. In:
Gerhard Besier (Hg.): Zwischen ‚nationaler Revolution‘ und militärischer Aggression. Trans-
formationen in Kirche und Gesellschaft während der konsolidierten NS-Gewaltherrschaft
(1934–1939). München: Oldenbourg 2001, S. 167–191.
100 Vgl. Magnus H. A. Hofmüller: Steirische Priester befürworten den Nationalsozialismus und
den Anschluß an das Deutsche Reich Adolf Hitlers. Graz: Dipl.-Arb. 1997, S. 98. Hofmüller
zitiert hier den Grazer Theologen Andreas Posch: Österr. Staatsarchiv/Archiv der Republik,
2513/0, Arbeitsgemeinschaft für den religiösen Frieden – Schriftwechsel Pischtiak, Bl. 186.
101 Solche ‚Konversionen‘ wurden von der katholischen Kirche unterstützt: Oliver Rathkolb hält
fest, „dass sich von den 1945/1946 noch Überlebenden ursprünglich rund 700.000 NSDAP-Mit-
gliedern und Parteianwärtern, von denen viele während des Zweiten Weltkriegs und schon vor
1938/1939 aus der Kirche ausgetreten waren, fast alle wieder unter den religiösen ‚Schutzman-
tel‘ der katholischen Kirche begaben“. Rathkolb: Die katholische Kirche, S. 15.
102 Worauf sich der Titel ‚Die Getäuschten‘ genau bezieht, geht aus dem Text nicht hervor. Die
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222 5 Materialismus versus Christentum
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918