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Zugleich mit der Neuorientierung am Wertesystem „Österreich“ findet Bühe-
ler auch zum katholischen Glauben, der dem beschwerlichen und sinnlos schei-
nenden Leben in der Kriegsgefangenschaft eine neue Richtung gibt. Schon in
der Sowjetunion wird er im Zuge von selbst organisierter gegenseitiger Schu-
lung103 und Andachten (vgl. GT 124–132) mit religiösem Gedankengut konfron-
tiert. Büheler kann dem Vortragenden nicht zustimmen, da seine materiellen
Interessen bei der schlechten Verpflegung im Kriegsgefangenenlager alle ‚geis-
tigen‘ weit überwiegen: „‚Hat sich was mit Geistwandeln‘, dachte Büheler. ‚Wenn
man dauernd hungert, hört sich der Geist auf.‘“ (GT 126) Als es jedoch zur
Eucharistiefeier kommt und der Priester um ein Stück Weißbrot zum Teilen bit-
tet, gibt Büheler ein Stück schwer erworbenes Brot ab. Zunächst ärgert er sich
über diesen Schritt, dann jedoch ‚wandelt‘ auch er sich: „Er dachte überhaupt
nicht ans Essen, obwohl vor seinen Augen ein Stück Brot hochgehoben wurde.
Wandlung, dachte er undeutlich. Leib Christi
... Wer glauben kann
...“ (GT 131)
Die Hinwendung zum Glauben erweist sich im Verzicht auf materielle Bedürf-
nisse und in der Sinngebung eines Lebens, das als bloß materielles sinnlos
erscheint:
Unweigerlich landete jeder Gedankengang in ihm beim Essen, wo er auch begon-
nen haben mochte, jedes Gespräch bei Kochrezepten. ‚Ist das der Mensch, von
dessen Ethik Pastor Gegenbauer dort spricht?‘ fragte sich Büheler. Sollte man mit
diesem Elendsdasein nicht lieber endgültig Schluß machen? Warum klammerten
sich denn alle so an dieses Vegetieren, von dem nicht abzusehen war, wann es sich
ändern würde, ja, ob sie es überhaupt überleben würden? (GT 173 f.)
Aus dem sinnlos scheinenden bloß materiellen Vegetieren rettet im Roman nur
die Religion. Auch Angehörige der russischen Bevölkerung außerhalb des Lagers
schildert der Roman positiv, wobei diese durch Religiosität und zugleich durch
religiöse Werte wie Nächstenliebe charakterisiert werden. So werden zwei öster-
reichische Kriegsgefangene von einem christlichen russischen Ehepaar bewirtet.
Täuschung der Wehrmachtssoldaten über die Ziele von Hitlers Politik sind als primäre Bedeu-
tungsebene anzunehmen, jedoch wird die Zeit des Protagonisten unter dem Nationalsozialis-
mus in der Darstellung weitgehend ausgespart. Den Hauptteil bildet die Beschreibung der sow-
jetsichen Kriegsgefangenschaft, sodass es naheliegt, den Titel auch auf eine Täuschung der
Gefangenen durch die Sowjets zu beziehen.
103 Einer der engagiertesten Vortragenden, der im zivilen Leben Lehrer ist, tritt besonders für die
Stärkung des österreichischen Selbstvertrauens ein: „Er hatte versucht, das alte Erbübel des
Österreichers, seine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem zackigeren, ellenbogenstär-
keren ‚großen Bruder‘, in seinen Buben zu überwinden und ihnen das Bewußtsein einzutrich-
tern, daß auch der Österreicher etwas erreichen konnte. Er mußte nur glauben, an Gott, an
sein Land und an sich selbst.“ (GT 109)
Die heilige Allianz: Der Westen und das Christentum 223
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918