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Der Protagonist des Romans, Owen
A. Boynton, empfindet seine US-ameri-
kanische Heimat aber als bigott und spießig und macht sich mit einem Boot und
sechs Gleichgesinnten in das sowjetisch dominierte Europa auf, wo er den Namen
Uljan Karlowitsch Kraßnosnamjew annimmt. Erst in der Umgebung des totali-
tären Regimes und durch den Glauben einer geliebten Frau, die er dort kennen-
lernt, beginnt er die Vorstellung eines Gottes zu schätzen, da sie ihm das Leben
sinnvoll erscheinen lässt. Genau diese transzendente Dimension fehlt den Bewoh-
nern der Sowjetunion, was in der Perspektive des Romans Lebensmisere und
moralische Schwäche erzeugt.
Moskau 1997 teilt die Welt in zwei antagonistische Hälften, die Sowjetunion
und die USA, jedoch konzentriert sich der Text nicht auf einen Vergleich der
ökonomischen oder politischen Systeme, sondern auf die Ebene des Menschen-
bildes. In der Sowjetunion erscheint der Mensch als ein materielles, stoffliches
Konstrukt mit bestimmten organischen Funktionen. Im Westen wird kraft der
christlichen Lehre der Mensch als eine mit dem Körper nur zeitweise bekleide-
te Seele aufgefasst, deren Hauptziel die Annäherung an Gott und die Abwendung
von Luzifer ist, der im Roman in menschlicher Gestalt als Ratgeber des sowje-
tischen Präsidenten auftritt. Der eigentliche Kampf besteht innerhalb der Welt
des Romans also nicht etwa zwischen zwei politischen Systemen oder Weltmäch-
ten, sondern zwischen Religion und Materialismus, konkretisiert als Gott und
Teufel, zu denen sich die Menschen der Ost- und Westhälfte der Welt in je unter-
schiedlicher Weise verhalten. Den Bürgern des Sowjetreichs wird durch das dort
herrschende atheistische Regime allerdings sogar das Wissen um diesen in der
Argumentationslogik des Textes primären Antagonismus verwehrt:
[Eine] endgültige Verzweiflung steckte in diesen Menschen hier, die neues Brenn-
material in ihre sinnlosen Körper hineinstopften. Ihre halboffenen, gierig schlin-
genden Karpfenmäuler mit den mechanisch auf- und zuklappenden Kiefern
drückten das furchtbare Nichtwissen um ihre seelische Unsterblichkeit aus. [...]
Von einigen ganz wenigen abgesehen nahmen die Menschen hier an der gewal-
tigen Auseinandersetzung zwischen dem Schöpfer und dem Höllenfürsten nicht
teil. Diese innere Entscheidung galt für sie ebensowenig wie für die Krokodile, die
Ameisen oder die Nähmaschinen. (M 151)
Diese menschenverachtenden Überlegungen stellt Uljan über seine sowjetischen
Mitbürger an. Diese erscheinen ihm in diffamierenden Bildern als Tiere, die nur
chemische und physikalische Prozesse vollführen, da sie kein Bewusstsein über
eine spirituelle Dimension besitzen. Seiner Ansicht nach wähnen sich die sow-
jetischen Menschen selbst als Teil einer bloß materiellen Welt, die der Text in
Form niederer und ekelerregender Lebewesen konkretisiert:
Die heilige Allianz: Der Westen und das Christentum 225
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918