Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Page - 229 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 229 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

Image of the Page - 229 -

Image of the Page - 229 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

Text of the Page - 229 -

6 ÖSTERREICHISCHE GULAG-LITERATUR Die Gulag-Debatte der Nachkriegsjahre In einem ausführlichen Artikel im Tagebuch bezeichnet Ernst Fischer 1950 die Behauptung, dass es „geheimnisvolle Konzentrationslager ‚hinter dem Eisernen Vorhang‘“ gebe, die von „Millionen Menschen“ bevölkert würden, als „antikom- munistische Lüge“.1 Das sowjetische Strafvollzugssystem sei dem westlichen weit überlegen, so der KPÖ-Politiker und Autor, da es nicht auf „Strafe“ abziele, sondern auf die „Erziehung“ asozialer Elemente. Die meisten Verurteilten bleiben als freie Arbeiter an ihrer Arbeitsstätte, wobei der Lohn nicht um mehr als 25 Prozent gekürzt werden darf. In jedem einzelnen Fall wird von freigewählten Volksrichtern entschieden, ob es zweckmäßig ist, den Verurteilten in ein Arbeitslager zu überführen. In diesem Arbeitslager leistet der Verurteilte produktive Arbeit unter normalen Lohn- und Arbeitsbedingungen. Leistet er gute Arbeit, wird ihm ein Urlaub von drei bis vierzehn Tagen bewilligt. […] Fast immer wird die Bewährungszeit wesentlich abgekürzt; wenn das Urteil auf zehn Jahre lautete, kehrt der Verurteilte meist nach zwei bis drei Jahren in die Freiheit zurück. Ich kenne aus eigener Anschauung das Arbeitslager Bolschewo, in dem vor allem ‚schwere Fälle‘ gesühnt werden. Dieses Arbeitslager hat eine große Bibliothek, einen musterhaften Klub, ein Kino, ein Orchester, eine Theatergruppe, Wandzeitungen, Sportplätze. Der Achtstundentag wird streng eingehalten.2 Aus heutiger Sicht erscheint Fischers Darstellung als dreiste Propaganda-Lüge über die menschenverachtenden Bedingungen in den Stalin’schen Zwangsar- beitslagern, die sich über weite Teile der UdSSR erstreckten und in denen Mil- lionen Menschen verhungerten, erfroren, an Erschöpfung oder Krankheiten starben, erschossen oder erschlagen wurden. Anfang 1950 war das, was in Koly- ma, Karaganda, Workuta und anderen Orten tatsächlich vor sich ging, aber kei- neswegs akzeptiertes Wissen, sondern Gegenstand einer der verfahrensten ideo- logischen Debatten des Kalten Krieges. Fischers Aufforderung zur Diskussion über die Lager – „Sprechen wir von den Konzentrationslagern!“ lautete der appellative Titel des Artikels – war eine Reaktion auf einen Beitrag, den der His- toriker Friedrich Heer am 3.  Dezember 1949 in der katholischen Wochenzeitung 1 Fischer: TB diskutiert. Sprechen wir von den Konzentrationslagern, S. 4. 2 Ebd.
back to the  book Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur"
Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Diskurse des Kalten Krieges