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6 ÖSTERREICHISCHE GULAG-LITERATUR
Die Gulag-Debatte der Nachkriegsjahre
In einem ausführlichen Artikel im Tagebuch bezeichnet Ernst Fischer 1950 die
Behauptung, dass es „geheimnisvolle Konzentrationslager ‚hinter dem Eisernen
Vorhang‘“ gebe, die von „Millionen Menschen“ bevölkert würden, als „antikom-
munistische Lüge“.1 Das sowjetische Strafvollzugssystem sei dem westlichen
weit überlegen, so der KPÖ-Politiker und Autor, da es nicht auf „Strafe“ abziele,
sondern auf die „Erziehung“ asozialer Elemente.
Die meisten Verurteilten bleiben als freie Arbeiter an ihrer Arbeitsstätte, wobei
der Lohn nicht um mehr als 25 Prozent gekürzt werden darf. In jedem einzelnen
Fall wird von freigewählten Volksrichtern entschieden, ob es zweckmäßig ist, den
Verurteilten in ein Arbeitslager zu überführen. In diesem Arbeitslager leistet der
Verurteilte produktive Arbeit unter normalen Lohn- und Arbeitsbedingungen.
Leistet er gute Arbeit, wird ihm ein Urlaub von drei bis vierzehn Tagen bewilligt.
[…] Fast immer wird die Bewährungszeit wesentlich abgekürzt; wenn das Urteil
auf zehn Jahre lautete, kehrt der Verurteilte meist nach zwei bis drei Jahren in die
Freiheit zurück. Ich kenne aus eigener Anschauung das Arbeitslager Bolschewo, in
dem vor allem ‚schwere Fälle‘ gesühnt werden. Dieses Arbeitslager hat eine große
Bibliothek, einen musterhaften Klub, ein Kino, ein Orchester, eine Theatergruppe,
Wandzeitungen, Sportplätze. Der Achtstundentag wird streng eingehalten.2
Aus heutiger Sicht erscheint Fischers Darstellung als dreiste Propaganda-Lüge
über die menschenverachtenden Bedingungen in den Stalin’schen Zwangsar-
beitslagern, die sich über weite Teile der UdSSR erstreckten und in denen Mil-
lionen Menschen verhungerten, erfroren, an Erschöpfung oder Krankheiten
starben, erschossen oder erschlagen wurden. Anfang 1950 war das, was in Koly-
ma, Karaganda, Workuta und anderen Orten tatsächlich vor sich ging, aber kei-
neswegs akzeptiertes Wissen, sondern Gegenstand einer der verfahrensten ideo-
logischen Debatten des Kalten Krieges. Fischers Aufforderung zur Diskussion
über die Lager – „Sprechen wir von den Konzentrationslagern!“ lautete der
appellative Titel des Artikels – war eine Reaktion auf einen Beitrag, den der His-
toriker Friedrich Heer am 3.
Dezember 1949 in der katholischen Wochenzeitung
1 Fischer: TB diskutiert. Sprechen wir von den Konzentrationslagern, S. 4.
2 Ebd.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918