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Unterdrückung politischer Minderheiten sind die Vorstellungen, die untrennbar
damit verbunden sind. Sibirien ist gleichsam der klassische Begriff für ‚Ort des
Greuels‘ geworden.32
In Milo Dor und Reinhard Federmanns Thriller Internationale Zone schwebt
einer der Protagonisten in Gefahr, von den sowjetischen Besatzungsbehörden
in Österreich gefangen genommen zu werden. Was ihn dann erwartet, imagi-
niert er folgendermaßen:
Und eines Morgens würde er in einem trostlosen sibirischen Kaff erwachen, mit
einem langen Bart und ausgehungertem Magen, und der feine doppelreihige
Anzug würde zerrissen und verdreckt an seinen Knochen herunterhängen. Und
dann würde er zur Arbeit geprügelt werden, eine Nummer unter Millionen, ge-
quält von ewigem Hunger und endlosen Träumen von einer glänzenden Vergan-
genheit, und das fünf Jahre lang, zehn Jahre, dreißig Jahre. Bis zum Tod. (IZ 167)
Die kommunistischen Autorinnen und Autoren leugnen die Existenz der Lager
auch in den literarischen Texten. In Auguste Lazars Sally Bleistift in Amerika33
ist klar, dass die Westmedien Lügen über die Sowjetunion verbreiten, „von Hun-
gern und Totschießen und Prügeln und was weiß ich, was noch“ (SB 68) und es
wird empfohlen, „nicht jeden Dreck“ zu glauben, „der in so einer Zeitung steht“.
(SB 69). In Fischers Brücken von Breisau34 kritisiert ein CDU-Abgeordneter, dass
hinter der humanistischen und friedensliebenden Fassade des Kommunismus
immer der Abgrund „Sibirien“ verborgen sei, worauf ihn die junge Kommunis-
tin Barbara verlacht und „Sibirien“ als Urlaubsziel empfiehlt: „Was soll man denn
mit Ihnen in Sibirien anfangen? Fahren Sie einmal auf Urlaub hin, wenn Sie
wollen […].“ (BB 35) Die Umdeutung der sibirischen Lager zum Urlaubsgebiet
kann nur von einem kommunistischen Zielpublikum akzeptiert werden: als
Lächerlichmachen der vermeintlichen westlichen Gräuelpropaganda. Außerhalb
des starren Deutungsrahmens des orthodoxen Parteiglaubens erscheint eine
derartige Interpretation als zynische Propagandalüge. Genau das führen Carl
Merz und Helmut Qualtinger in ihrer kurzen Szenenfolge Fahrt ins Rote vor.
Darin wird ein Redner, der ein kommunistisches Phantasieland namens „Demo-
karpathien“ in den höchsten Tönen gelobt hat, von einem Zuhörer nach den
Lagern gefragt.
32 Olga Dimitriewna: 18 Jahre Sowjetherrschaft. Erlebnisse und Erfahrungen einer Frau. Wien,
Leipzig: Braumüller 1936, S. 14.
33 Auguste Lazar: Sally Bleistift in Amerika. Wien: Globus 1947 [im Folgenden abgek. SB].
34 Ernst Fischer: Die Brücken von Breisau. Eine Komödie in drei Akten. [UA: 22.3.1952, Scala].
Wien: Globus 1952 [im Folgenden abgek. BB]. Schreckensszenario Sibirien 237
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918