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den Roman waren für den an politischen Themen immer interessierten Neu-
mann die sich häufenden Publikationen von Gulag-Überlebenden nach dem
Krieg, vor allem aber seine Begegnung mit Elinor Lipper und ihrem Buch Elf
Jahre in sowjetischen Gefängnissen und Lagern. In einem ausführlichen Neu-
mann-Porträt, das am 27. August 1952 im Spiegel erschien, erzählt der Autor,
dass er Lipper bereits 1948 kennen gelernt, mit ihr lange Gespräche geführt und
ganze Notizbücher mit ihren Angaben gefüllt habe.44 Im Nachlass Neumanns
sind zwar keine solchen Notizbücher erhalten,45 Lippers Buch ist aber in seinem
Roman auf mehreren Ebenen deutlich präsent.
Neumann war sich bewusst, dass ein Text, der sich mit Stalinismus und Gulag
beschäftigt, im Spannungsfeld des Kalten Krieges politische Sprengkraft besaß
und er beabsichtigte, diese auch einzusetzen. Gleich nach seinem Erscheinen
ließ er den Desch-Verlag je ein Exemplar der Puppen von Poshansk an zwei
befreundete DDR-Autoren und -Kulturfunktionäre schicken, an Johannes R.
Becher und Arnold Zweig. „Man muss solch ein Buch anders denkenden Freun-
den selbst in die Hand legen“, schreibt er an Becher.46 Der war über die Provo-
kation entrüstet. Auch in einem Brief an Friedrich Torberg, der ihn aufgefordert
hatte, einen geplanten Beitrag für die kommunistische Zeitung Der Abend
gefälligst wieder zurückzuziehen, da dies doch der „Feind“ sei, bringt Neumann
Die Puppen von Poshansk ins Spiel: „wenn Sie dieses Buch […] selbst lesen wol-
len, so werden Sie nicht nur klar (so klar wie die Kommunisten) sehen, wo ich
stehe, sondern vielleicht zugeben, dass ich über wirksamere Waffen verfüge, als
über die Zusendung eines Dementis an ein kleines Wiener Blatt“.47 Einige Jah-
re später beschreibt er sein Buch als Roman, der „militant antistalinistisch aber
dabei nicht unfreundlich gegenüber der kommunistischen Grundidee ist“48.
Wie nähert sich nun ein Autor diesem Thema, noch dazu einer, der nur Erfah-
rungen aus zweiter Hand zu bieten hat? Wie lässt sich ein Stoff wie der Gulag
überhaupt literarisch darstellen? Im Prinzip stellen sich hier ähnliche Probleme
wie bei der Frage nach der Repräsentierbarkeit des Holocaust. Neumann hat
dafür eine eigensinnige Lösung gefunden, die einerseits in seinen literarischen
Anfängen wurzelt, andererseits aber auf eine neue Ästhetik vorausweist, wie sie
am Beginn der fünfziger Jahre im Entstehen ist. Das beginnt beim auf den ers-
ten Blick abwegigen Plot des Romans. Der gescheiterte amerikanische Präsident-
44 N.N.: Perversion des Glaubens. In: Der Spiegel, 27.8.1952, S. 29–33.
45 Auskunft des Nachlassbearbeiters Franz Stadler. Vgl. Robert Neumann: Mit eigener Feder.
Aufsätze. Briefe. Nachlassmaterialien. Innsbruck: Studienverlag 2013.
46 Neumann an Becher, 16.5.1952.
47 Robert Neumann an Friedrich Torberg, 4.7.1955. Zitiert nach Stadler: ‚Wahlfeinde‘ des Kalten
Krieges, S. 219.
48 Robert Neumann an Alexander von Cube, 28.1.1962, ONB HS, Nachlass Robert Neumann,
Cod. Ser. n. 21.848.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
242 6 Österreichische Gulag-Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918