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des Gegners in Gang, das sich zusehends von der Wirklichkeit entfernt. Nicht
zufällig hat sich Watkins einen Werbefachmann als Privatsekretär angestellt,
dessen Maxime lautet „[W]er zuletzt betrügt, betrügt am besten“. (PP 86)
Als Täuschung stellt sich auch der für die englischsprachige Version des Rom-
ans titelgebende Aufstand in den Lagern heraus. Nur für kurze Zeit können die
politischen Gefangenen in Poshansk die Macht ergreifen und sich in der Illusi-
on wiegen, dass sie nun die Oktoberrevolution wiederholen, das „stalinistisch-fa-
schistische Biest Stalin“ (PP 308) in Stücke hauen würden (vgl. ebd.). Die Grup-
pe der Aufständischen wird von Mitgliedern der in Ungnade gefallenen
ehemaligen Elite der Sowjetunion angeführt, die nach Jahren im Gulag aber nun
wie lebende Tote erscheinen, „Skelett[e“ in „Lumpen“, zahnlos und stinkend (PP
287 f.).54 Was anfangs wie eine landesweite Rebellion aussah, stellt sich rasch
als begrenzter Aufstand heraus, der noch dazu von der Staatspolizei provoziert
worden ist, um einen Vorwand für ihr blutiges Eingreifen zu haben. Im Rahmen
der herrschenden Machtverhältnisse ist das Verhalten der Einzelnen irrelevant,
so die pessimistische Perspektive des Romans.
Vielleicht war all dies – und wir dazu – waren alle unsere Pläne und Revolutionen
und Aufregungen – schließlich gar nicht so wichtig. Wir alle hatten wohl nur eine
kleine Rolle in dem großen Stück? Fuhren auf dem Nebengeleise, während die
Welt weiterrollte? Die Puppen von Poshansk. (PP 378)
In einem an Groteskheit schwer zu überbietenden Gespräch zwischen dem sowje-
tischen Funktionär Bebitz und dem Lagerhäftling Toboggen, der nach einem Schau-
prozess seit vierzehn Jahren in Kolyma ist, greift Neumann das Verleugnen des
Gulag durch die Kommunisten auf. Dass der Revolutionär der ersten Stunde Tobog-
gen, von dem man im Westen annimmt, er sei gleich nach seinem Prozess hinge-
richtet worden, nun aus dem Lager geholt und Watkins als Beleg für die westlichen
Propagandalügen lebend und „frei“ vorgeführt wird, soll der konkrete Gegenbe-
weis gegen die westlichen „Greuelmärchen-Erfinder“ (PP 66) sein. Bebitz erklärt
dem Häftling Toboggen, was es mit den Lagern tatsächlich auf sich habe:
Bebitz sagte: ‚Drüben sind von gegenrevolutionären Elementen und Faschisten
allerlei sentimentale Gerüchte in Umlauf gesetzt worden. Daß wir Zwangsarbeiter
in die Bergwerke treiben. Über Lager. Dick aufgetragen. Böswillige Verleumdun-
gen. Natürlich haben wir Lager. Übertreibungen in bezug auf das eine oder die
zwei Lager, die wir hier haben.‘ ‚Eins oder zwei?‘ Dieses Mal war Toboggens Frage
54 Die erste Generation der russischen Revolutionäre war bekanntlich ein bevorzugtes Ziel von
Stalins Terrormaßnahmen. Keines der sieben Mitglieder des Politbüros nach Lenins Tod 1924
überlebte das Jahr 1940 – außer Stalin selbst.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
246 6 Österreichische Gulag-Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918