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hörbar. Bebitz wischte sie ungeduldig weg. ‚Oder drei oder vier. Oder auch vier-
zehn. Was will das schon bedeuten? Haben wir Gaskammern, wie die Nazis sie
hatten? Nein. Einzelheiten interessieren mich nicht, […].‘ (PP 65 f.)
Neumanns Romanfigur spricht offensichtlich die im Westen veröffentlichten
Gulag-Berichte an und reagiert darauf mit einer Argumentation, die derjenigen
Ernst Fischers und vieler anderer KP-Mitglieder sehr ähnlich ist. Man tut die
Schilderungen als Propagandalügen und Übertreibungen ab und leugnet die
Existenz der mörderischen Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Lagern.
Die Puppen von Poshansk bringt freilich die „Einzelheiten“, von denen Bebitz
nicht reden möchte, zur Sprache. In einer Folge aberwitziger Szenen und Dia-
loge rückt er zahlreiche Elemente des Gulag-Systems in den Blick, wie sie sich
auch in den Berichten von Überlebenden finden. Beginnend bei den unter Fol-
ter erzwungenen Geständnissen und den absurden Anklagen55 über die syste-
matische Unterernährung, die rigiden Strafen bei Nichterfüllung der Arbeits-
normen, die Krankheiten und die Bevorzugung der Kriminellen vor den
politischen Gefangenen, bis zur Wanzenplage und dem Betrug bei der Entlau-
sung: Der zuständige „Genosse“ halbiert die erforderliche Temperatur bei der
Kleiderreinigung. Damit bleiben Kleider und Gefangene zwar voller Läuse, er
schafft aber die doppelte Menge in der gleichen Zeit. Für diese Leistung wird er
als „Stachanow-Aktivist“ ausgezeichnet. Eine Absurdität, die Neumann nicht
erfinden musste, sondern direkt aus dem Buch von Lipper übernehmen konnte.
Ebenfalls nicht erfunden, sondern historisch vielfach bezeugt, ist die Liste der
Todesarten im Gulag, die während des Aufstands in Form einer Litanei vorge-
tragen wird:
Genickschuß auf dem Verwaltungsweg. Genickschuß nach gesprochenem Urteil.
Genickschuß, weil Widerstand bei Verhaftung. Aufgehängt wegen böswilliger
Nichterfüllung des Arbeitsminimums beim Baumfällen. Mit siebzehn anderen
aufgehängt wegen Teilnahme an einer Flüsterkampagne über den Zustand der So-
wjet-Union. Wegen einer Karikatur in einer Einzelzelle erfroren. Wegen absicht-
lichen Hinkens bei einer Parade erfroren. Beim Abschleppen gefällter Bäume er-
froren. Beim Straßenbau erfroren. In den Bleibergwerken zu Tode gehetzt. In den
Kupferbergwerken zu Tode gehetzt. In der Fischkonservenfabrik zu Tode gehetzt.
Bei einem Aufstand totgeschlagen. Von der Wache erschlagen, weil er zu langsam
ging. Weil er ein Viertel Brot stahl. Weil er mit einem Mädchen ertappt wurde.
An Tuberkulose gestorben. An Malaria gestorben. An Hungertyphus gestorben.
55 Eine der gefangenen „Kontriks“ war „Universitätslehrerin und zu zehn Jahren verurteilt, weil
sie bei der Interpretation archäologischer Ausgrabungen trotzkistisch-faschistische Anschau-
ungen verraten hatte“ (PP 28).
Zwischen Grauen und Groteske: Robert Neumanns Die Puppen von Poshansk 247
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918