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die bis dorthin dominierende satirisch-parodistische Erzählweise in Frage stellt.
Das wird deutlich, als von einem der Gefangenentransporte über das Ochotski-
sche Meer berichtet wird, bei dem fast 6000 Menschen erfroren. „Eigentlich war
das gar nicht zum Lachen“ (PP 165), wird diese Erzählung eingeleitet, die sich
als Quelle auf „[e]ine junge Schweizerin mit Namen Elinor Lipper“ (PP 166)
beruft. Und das 30.
Kapitel beginnt mit dem Hinweis „Ein paar Tatsachen“ und
referiert dann über mehrere Seiten hinweg eine Zusammenfassung der Berich-
te über die Zwangsarbeitslager von Dallin und Nicolaevsky, Kravchenko und
eben Lipper (vgl. PP 291–301). Diese dokumentarischen Passagen sistieren den
fiktionalen Erzählmodus. Formulierungen wie „Ein paar Tatsachen“, „man kann
mit einiger Sicherheit sagen“ oder „sicher ist jedenfalls“ betonen den faktischen
Gehalt des Gesagten, das unterstreichen auch die korrekten Quellenangaben im
Text. Angesichts der in der politischen Debatte immer wieder bestrittenen Exis-
tenz der Stalin’schen Lager hielt es Neumann offenbar für nötig, deutlich zu
machen, dass die von ihm beschriebenen Verhältnisse im fiktiven Poshansk ein
reales Substrat haben.
Obwohl Die Puppen von Poshansk allein schon wegen der außergewöhnlich
frühen und ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Stalinismus und dem
Gulag ein überaus bemerkenswertes Ereignis in der Geschichte der österreichi-
schen, ja europäischen Literatur darstellt, ist der Roman heute vergessen.57 Zur
Zeit seines Erscheinens wurde er von der Literaturkritik jedoch breit wahrge-
nommen, überwiegend allerdings im englischsprachigen Raum. Die internati-
onalen Kritiken waren meist positiv, gelobt wurde vor allem die scharfe Satire,
kritisiert wurde allenthalben, dass sie an manchen Stellen übertrieben, manch-
mal auch zu oberflächlich sei. In einer Sammelbesprechung mit Neuerscheinun-
gen im englischen Observer heißt es: „Mr. Neumann has a diabolically ingeni-
ous way of driving home his modern Iron Curtain Lecture.“58 Die Londoner
Times urteilt ebenfalls in einer Sammelbesprechung: „Mr. Neumann is knowled-
geable and has its moments of sharp and grisly comedy, but the satirical design
of the book is rather more facile than it need or should have been.”59
Ganz klar wird der Roman auch als politisches Statement gelesen und je nach
Standpunkt der Zeitung beurteilt. „Totalitarism unmasked“60, schreibt etwa der
Belfast Telegraph. Im Scotsman heißt es: „Insurrection in Poshansk is a
vigorous political satire directed against totalitarianism. […] There is much in
the novel, that is amusing; but its satirical thrusts are deep and penetrating and
57 Verdienstvoll ist in diesem Zusammenhang seine Neuauflage im Wiener Milena-Verlag: Robert
Neumann: Die Puppen von Poshansk. Wien: Milena Verlag 2012.
58 The Observer, 8.6.1952.
59 The Times, 6.6.1952.
60 Belfast Telegraph, 7.8.1952.
Zwischen Grauen und Groteske: Robert Neumanns Die Puppen von Poshansk 249
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918