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Ohne Zweifel lassen sich in Neumanns Roman oberflächliche Parodien und
glatte Witze finden. Doch stellt sich die Frage, ob Bächlers Kritik nicht das poe-
tische Programm der Puppen von Poshansk verfehlt, das eben genau darauf abzielt,
„keine echte Atmosphäre und keine echten Menschen“ entstehen zu lassen, son-
dern vielmehr Figuren zu entwerfen, die gar kein Identifikationspotential bie-
ten, groteske Kunstfiguren statt Abbildrealismus, „Puppen“ eben. Die Lebendig-
keit authentischer Erfahrung, die Bächler einfordert, kann Neumann nicht
vorweisen und er will sie auch nicht literarisch simulieren. Trotzdem stellt er
sich dem brisanten Thema Gulag und es greift zu kurz, Neumanns satirischen
Furor nur in seiner Vergangenheit als berühmter Parodist zu verorten. Versucht
man nämlich, Die Puppen von Poshansk mit dem Begriff der Groteske zu fassen,
dann zeigt sich im Gegenteil eine ganz und gar zeitgemäße und dem Stoff mög-
licherweise adäquate Ästhetik, wie sie Friedrich Dürrenmatt in seiner Poetik der
modernen Komödie entwarf. 1952, im gleichen Jahr, in dem Die Puppen von
Poshansk erschienen, schreibt er:
Das Groteske ist eine äußerste Stilisierung, ein plötzliches Bildhaftmachen und
gerade darum fähig, Zeitfragen, mehr noch, die Gegenwart aufzunehmen, ohne
Tendenz oder Reportage zu sein. Ich könnte mir daher wohl eine schauerliche
Groteske des Zweiten Weltkriegs denken, aber noch nicht eine Tragödie, da wir
noch nicht die Distanz dazu haben können. […] Das Groteske ist eine der großen
Möglichkeiten, genau zu sein. […] Sie ist eine Angelegenheit des Witzes und des
scharfen Verstandes (darum verstand sich die Aufklärung darauf) […]. Sie ist un-
bequem, aber nötig.69
Treffender lässt sich das ästhetische Konzept von Robert Neumanns Gulag-Ro-
man nicht beschreiben. Dass er vollständig geglückt ist, daran lassen sich Zwei-
fel äußern, was aber nichts daran ändert, dass Die Puppen von Poshansk in der
österreichischen Literatur der Nachkriegszeit ein einzigartiges literarisches Pro-
jekt darstellt, das sich mit einem zentralen Thema des Kalten Krieges auf eben-
so provokante wie engagierte Art auseinandersetzt.
69 Friedrich Dürrenmatt: Anmerkungen zur Komödie (1952). In: Ders.: Theater. Essays, Gedich-
te, Reden. Zürich: Diogenes 1998, S. 20–25, hier S. 25.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
252 6 Österreichische Gulag-Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918