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7 DAS GESPENST DES NATIONALSOZIALISMUS IM
KALTEN KRIEG
Die Nazis, das sind die anderen
Die Frage ‚Wie hältst du’s mit den Nazis?‘ war schon in den 1930er-Jahren die
aktuelle politische ‚Gretchenfrage‘, denn die Machtergreifung der Nationalso-
zialisten führte zunehmend zu einem Bekenntniszwang für oder gegen dieses
Lager. Mit dem Zweiten Weltkrieg verschärften sich die Frage der Positionie-
rung bzw. Abgrenzung und die Etablierung eines bipolaren Schemas. Von der
US-amerikanischen Außenpolitik, die zunächst im Nationalsozialismus „das
Böse” schlechthin ortete, wurde diese Rolle nach 1945 auf die Sowjetunion über-
tragen, die im Zweiten Weltkrieg noch als Verbündeter fungiert hatte: „Six years
of struggle against Nazism [...] served to nourish an almost Manichean view of
a world divided between good and evil, with the very fate of Christian civilisa-
tion apparently at stake should the Allies lose.“1 War das feindliche Lager unter
den Alliierten mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion und der Kriegs-
erklärung an die USA 1941 klar als das nationalsozialistische definiert, wurde
die Verortung desselben nach Kriegsende innerhalb der sich neu formierenden
Konstellation der Siegermächte jedoch unsicher. Wie ein Gespenst galt der Nati-
onalsozialismus einerseits als ‚tot‘, als besiegt und der Vergangenheit angehö-
rend,2 blieb aber andererseits auf unterschiedlichen Ebenen der Gesellschaft
und der kulturellen Praxis wirksam und virulent – so in der Zuschreibung von
Naheverhältnissen, Parallelen und Kontinuitäten zwischen dem Nationalsozi-
alismus und Akteuren, Gesellschaftsstrukturen und Handlungsschemata der
Nachkriegszeit.
„Das gemeinsame Band, das die gesellschaftspolitisch so unterschiedlichen
Alliierten USA, Großbritannien und UdSSR zusammengehalten hatte, war der
Kampf gegen den Faschismus gewesen, ‚der Wille den deutschen Militarismus
1 Ian Jones: The Clergy, the Cold War and the Mission of the Local Church; England, c. 1945–60.
In: Kirby (Hg.): Religion and the Cold War, S. 188–199, hier S. 188 f.
2 Hans Weigel wirft etwa den Delegierten des Internationalen PEN-Clubs vor, Antifaschismus
zuungunsten von Antikommunismus zu betreiben und begründet dies mit dem Hinweis auf
die seiner Ansicht nach bereits erfolgte Vernichtung des Nationalsozialismus: „Sie [PEN-Club-De-
legierte] aber wenden sich gegen Schatten und Phantome und übersehen die grausame Reali-
tät“. Hans Weigel: In den Wind gesprochen. An die Delegierten des PEN-Kongresses! In:
Bild-Telegraf, 11.6.1955, S. 9.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918