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und Nationalsozialismus zu zerstören.‘“3 Als dieses Band riss, brachen nach und
nach die Gräben zwischen den Alliierten auf, jedoch blieb ihnen immer noch
gemeinsam, dass sie striktes Durchgreifen gegen die Überreste der nationalso-
zialistischen Ideologie versprachen und anfangs auch mehr oder weniger kon-
sequent Maßnahmen zur Entnazifizierung in Österreich und Deutschland ergrif-
fen.4
In Österreich5 war seit April 1945 eine provisorische Regierung im Amt, der
zunächst nur von Seiten der sowjetischen Besatzungsmacht, ab Februar 1946
auch von Seiten der Westalliierten, die Aufgabe der Entnazifizierung übertragen
wurde.6 Auch die österreichischen politischen Parteien der unmittelbaren Nach-
kriegszeit verband, dass sie „einander – zumindest prinzipiell – als antifaschis-
tisch anerkannten, [und] das Österreichertum als Gegenpol zum Nationalsozi-
alismus betonten“.7 Dass die beiden führenden Parteien, SPÖ und ÖVP, 1934
noch Gegner in einem Bürgerkrieg gewesen waren, wurde durch gemeinsame
Positionen wie Antinationalsozialismus und später Antikommunismus gekittet,
aber nicht aufgearbeitet. In der ersten Nachkriegszeit, in der Personen, die als
eben noch nationalsozialistische Parteimitglieder registriert waren, in Österreich
von den allgemeinen Wahlen ausgeschlossen waren,8 zeigten sich sowohl Ver-
treter der SPÖ, als auch – wie Fritz Molden berichtet – der ÖVP bereit, zumin-
dest im Rahmen des Wahlkampfs einen Austausch von NS-Funktionären gegen
österreichische Kriegsgefangene in der Sowjetunion vorzuschlagen:
Die ÖVP ging hier so weit, daß der damalige Bundeskanzler Figl in einer Rede vor
den Wahlen 1945 erklärte, es würde den belasteten österreichischen Nazis nicht
schaden, wenn sie ein paar Jahre nach Sibirien kämen, man sollte sie gegen die noch
in Rußland festgehaltenen österreichischen Kriegsgefangenen austauschen.9
3 Dieter Stiefel: Entnazifizierung in Österreich. Wien, München, Zürich: Europa 1981, S. 21.
4 Vgl. ebd., S. 21–47.
5 In Deutschland war die Lage etwas anders. Vgl. zu rechtlichen Hintergründen der Entnazifi-
zierung in Deutschland und der Instrumentalisierung dieses Diskurses im Kalten Krieg Annet-
te Weinke: Die Verfolgung von NS-Tätern im geteilten Deutschland. Vergangenheitsbewälti-
gung 1949–1969 oder deutsch-deutsche Beziehungsgeschichte im Kalten Krieg. Paderborn
[u.a.]: Schöningh 2002.
6 Stiefel: Entnazifizierung, S. 33.
7 Ebd., S. 48. Dem stand gegenüber, dass alle Parteien an einer möglichst großen Anhängerschaft
interessiert waren und sich deshalb bis zu einem gewissen Grad auch mit ehemaligen Natio-
nalsozialisten arrangierten.
8 Vgl. Sonja Niederacher: Die Entwicklung der Entnazifizierungsgesetzgebung. In: Maria Mes-
ner (Hg.): Entnazifizierung zwischen politischem Anspruch, Parteienkonkurrenz und Kaltem
Krieg. Das Beispiel der SPÖ. Wien, München: Oldenbourg 2005, S. 13–36, hier S. 32.
9 Fritz Molden: Besetzer, Toren, Biedermänner. Ein Bericht aus Österreich. Wien [u.a.]: Molden
1980, S. 107.
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254 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918