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bedeutet Krieg!‘ Es wurde grausame Wahrheit. – Weißt du jetzt, wo du hinge-
hörst? In die Sozialistische Partei Österreichs.“15 Und die KPÖ inszenierte den
Nationalsozialismus analog zur sowjetischen Perspektive als Feind des Kommu-
nismus schlechthin: „‚Woran erkennt man die Nazi?‘ fragte ein Wahlplakat und
gab selbst die erwünschte Antwort: ‚Sie schimpfen über die Kommunisten!‘“16
Als Kontrastfolie zum nunmehr abgelehnten Nationalsozialismus fungierte
das Konzept ‚Österreich‘,17 das mit beträchtlichem diskursiven Aufwand gegen-
über dem Konzept ‚Deutschland‘18 unterschieden und als integrative Vorstel-
lung für die Bevölkerung aufgebaut wurde.19 Die Bedeutung der Österreich-Idee
nach 1945 erklärt sich aus der Funktion der Schuldabwehr, die mit einer Abgren-
zung von Deutschland einherging. Im ersten Teil der „Moskauer Deklaration“
wurde Österreich als erstes Opfer der Hitler’schen Aggression bezeichnet, wes-
halb dieses Konstrukt ein hohes Identifikationspotential besaß.20 Das zeigt sich
sehr deutlich in Felix Gamillschegs Die Getäuschten (1961), in dem der öster-
reichische Wehrmachtssoldat Büheler durch die Niederlage und seine russische
Kriegsgefangenschaft zunächst erkennen muss, welch großer „Täuschung“ alle
erlegen sind, die der Propaganda des Hitler-Regimes glaubten. Büheler erfährt
15 Ebd., S. 26.
16 Hölzl: Propagandaschlachten, S. 24.
17 Vgl. Schmidt-Dengler: Bruchlinien, S. 36–40.
18 Es gab jedoch Unterschiede in der Radikalität dieser Abgrenzung. Während Hans Weigel mein-
te, es sei nötig, das „Fenster“ nach Deutschland zu „öffnen“, plädierte Otto Horn gegen die
Aufnahme von Verbindungen zu Westdeutschland. Vgl. ebd., S.
28. Weigel berichtet, dass die-
ser Streit zu seiner Abwendung von der Zeitschrift Plan führte: Hans Weigel: Das Abendbuch.
Egozentrische Erinnerungen und Berichte unter tunlichster Aussparung des allzu Privaten und
religiös Konfessionellen. Graz, Wien, Köln: Styria 1989, S. 137 f.
19 Vgl. das Teilkapitel „Die Entdeckung der Theorie von der österreichischen Nation“ in Thomas
Kroll: Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa, S. 269–279. Nachvollziehbar wird dies
auch anhand von Publikationen zur österreichischen Geschichte von Seiten kommunistischer
Intellektueller wie z.B. Eva Priester: Kurze Geschichte Österreichs. 2
Bde. Wien: Globus 1946–
1949. Vgl. zur frühen Beschäftigung mit der österreichischen Geschichte im Tagebuch Nor-
bert Griesmayer: Die Zeitschrift ‚Tagebuch‘. Ergänzende Beobachtungen zur kulturpolitischen
Situation in den fünfziger Jahren. In: Aspetsberger, Frei [u.a.] (Hg.): Literatur der Nachkriegs-
zeit und der fünfziger Jahre in Österreich, S.
75–111, hier S.
88
f. Vgl. außerdem: Ernst Fischer:
Die Entstehung des österreichischen Volkscharakters. Wien: Globus 1945. Dazu: Schmidt-Deng-
ler: Bruchlinien, S. 36–39.
20 Der zweite Teil, der von der Mitverantwortung Österreichs spricht, wurde hingegen geflissent-
lich verschwiegen. Dort heißt es: „Austria is reminded, however, that she has a responsibility
which she cannot evade for participation in the war on the side of Hitlerite Germany, and that
in the final settlement account will inevitably be taken of her own contribution to her libera-
tion.“ Zitiert nach Robert H. Keyserlingk: 1. November 1943: Die Moskauer Deklaration: Die
Alliierten, Österreich und der Zweite Weltkrieg. In: Rolf Steininger, Michael Gehler (Hg.):
Österreich im 20.
Jahrhundert. Ein Studienbuch in zwei Bänden. Bd.
2: Vom Zweiten Weltkrieg
bis zur Gegenwart. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1997, S. 9–38, hier S. 34.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
256 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918