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staurant und ein Zöllner über Politik. Der Zöllner referiert die Medienberichte
von Chruschtschows ‚Geheimrede‘, die Stalin als Diktator brandmarkt, worauf
die Kellnerin antwortet: „Mir hat schon Hitler gereicht.“ (A 3) Als Maybruck
das verlockende Angebot eines DDR-Kulturfunktionärs bekommt, eine Opern-
intendanz zu übernehmen, liegt die Parallele zwischen nationalsozialistischem
und kommunistischem Regime bereits in der Luft: „Ich bin bereits einmal vor
einer ähnlichen Situation gestanden und das Resultat war: die Emigration!“ (A
34) Auch Maybrucks Sohn ahnt, dass sein Vater mit dem Regime in der DDR
unglücklich sein wird: „Du glaubst doch nicht, daß er sich dort länger als zwei
Monate wohlfühlen würde? Er ist einmal davongelaufen, weil er politischen
Druck unerträglich fand –“ (A 44).26 Wie Dub flüchtet Maybruck einmal vor
dem faschistischen, dann vor dem kommunistischen Regime. Die wiederholte
Flucht, aber auch die wiederkehrenden, damit verbundenen, in Gesprächen
geäußerten Gedanken verweisen auf die Analogie zwischen beiden Regimen.
Ein weiteres, besonders deutliches Beispiel für die Herstellung einer Verbin-
dung zwischen einem faschistischen und einem kommunistischen Regime durch
narrative Parallelisierung zeigt sich in einem kurzen dramatischen Text Milo Dors
mit dem Titel Der vergessene Bahnhof27, der 1953 in der Anthologie Stimmen der
Gegenwart erschien und bereits am 14.
Oktober 1948 in der Wiener Urania urauf-
geführt worden war.28 In diesem Text wird eine parabelhafte Szenerie gezeichnet,
in der verstorbene Personen keine Ruhe finden können, solange jene Ziele, für
die sie ihr Leben gelassen haben, nicht erreicht wurden. Das impliziert, dass die
26 Vermutlich existiert eine weitere Fassung des Textes, welche die Wiederholungsstruktur von
Verfolgung und Flucht noch stärker unterstreicht. Darauf lässt eine Zusammenfassung der
Handlung durch Peter Roessler schließen, dem eine andere Version vorgelegen haben dürfte:
„Die Biographie der Familie Mayenbruck, die durch Exil den Verfolgungen des Faschismus
entkomm[t und] nach den Erfahrungen in der DDR zu neuem Exil gezwungen ist, soll die
Identität der Gesellschaftsformationen ‚beweisen‘. Als dramaturgischer Kniff dienen hierbei
die Anfälle geistiger Verwirrung, denen Mayenbruck durch den Schock über die Zustände in
der DDR ausgesetzt ist: So kann er Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr auseinanderhal-
ten. Mayenbruck wiederholt wie in Trance Gespräche, die er bereits während der Flucht vor
der faschistischen Verfolgung geführt hat.“ Vgl. Roessler: Studien zur Auseinandersetzung mit
Faschismus und Krieg, S.
179. Roessler zitiert eine Textstelle, die sich in dem uns vorliegenden
Manuskript nicht findet. Zudem nennt er eine Familie Mayenbruck, während in der uns vor-
liegenden Version nur der Dirigent Maybruck ein ‚zweites Exil‘ erlebt. Auch die von Roessler
erwähnte geistige Verwirrung und die wiederholten Gespräche aus der Zeit der ersten Flucht
finden sich in der uns vorliegenden Version nicht.
27 Milo Dor: Der vergessene Bahnhof. In: Hans Weigel (Hg.): Stimmen der Gegenwart 1953. Wien:
Albrecht Dürer 1953, S. 107–116 [im Folgenden mit VB abgek.].
28 Vgl. N.N.: [Ankündigung von Der vergessene Bahnhof]. In: Neues Österreich, 14.10.1948, S.
3. Unter den österreichischen Schreibenden des Untersuchungszeitraums wird Milo Dor neben
Reinhard Federmann immer wieder als einer der wenigen kritischen politischen Autoren her-
vorgehoben, da er offen gegen die Kontinuitäten des Nationalsozialismus, aber auch die radi-
Narrative Wiederholungsstrukturen 261
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918