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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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staurant und ein Zöllner über Politik. Der Zöllner referiert die Medienberichte von Chruschtschows ‚Geheimrede‘, die Stalin als Diktator brandmarkt, worauf die Kellnerin antwortet: „Mir hat schon Hitler gereicht.“ (A 3) Als Maybruck das verlockende Angebot eines DDR-Kulturfunktionärs bekommt, eine Opern- intendanz zu übernehmen, liegt die Parallele zwischen nationalsozialistischem und kommunistischem Regime bereits in der Luft: „Ich bin bereits einmal vor einer ähnlichen Situation gestanden und das Resultat war: die Emigration!“ (A 34) Auch Maybrucks Sohn ahnt, dass sein Vater mit dem Regime in der DDR unglücklich sein wird: „Du glaubst doch nicht, daß er sich dort länger als zwei Monate wohlfühlen würde? Er ist einmal davongelaufen, weil er politischen Druck unerträglich fand –“ (A 44).26 Wie Dub flüchtet Maybruck einmal vor dem faschistischen, dann vor dem kommunistischen Regime. Die wiederholte Flucht, aber auch die wiederkehrenden, damit verbundenen, in Gesprächen geäußerten Gedanken verweisen auf die Analogie zwischen beiden Regimen. Ein weiteres, besonders deutliches Beispiel für die Herstellung einer Verbin- dung zwischen einem faschistischen und einem kommunistischen Regime durch narrative Parallelisierung zeigt sich in einem kurzen dramatischen Text Milo Dors mit dem Titel Der vergessene Bahnhof27, der 1953 in der Anthologie Stimmen der Gegenwart erschien und bereits am 14.  Oktober 1948 in der Wiener Urania urauf- geführt worden war.28 In diesem Text wird eine parabelhafte Szenerie gezeichnet, in der verstorbene Personen keine Ruhe finden können, solange jene Ziele, für die sie ihr Leben gelassen haben, nicht erreicht wurden. Das impliziert, dass die 26 Vermutlich existiert eine weitere Fassung des Textes, welche die Wiederholungsstruktur von Verfolgung und Flucht noch stärker unterstreicht. Darauf lässt eine Zusammenfassung der Handlung durch Peter Roessler schließen, dem eine andere Version vorgelegen haben dürfte: „Die Biographie der Familie Mayenbruck, die durch Exil den Verfolgungen des Faschismus entkomm[t und] nach den Erfahrungen in der DDR zu neuem Exil gezwungen ist, soll die Identität der Gesellschaftsformationen ‚beweisen‘. Als dramaturgischer Kniff dienen hierbei die Anfälle geistiger Verwirrung, denen Mayenbruck durch den Schock über die Zustände in der DDR ausgesetzt ist: So kann er Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr auseinanderhal- ten. Mayenbruck wiederholt wie in Trance Gespräche, die er bereits während der Flucht vor der faschistischen Verfolgung geführt hat.“ Vgl. Roessler: Studien zur Auseinandersetzung mit Faschismus und Krieg, S.  179. Roessler zitiert eine Textstelle, die sich in dem uns vorliegenden Manuskript nicht findet. Zudem nennt er eine Familie Mayenbruck, während in der uns vor- liegenden Version nur der Dirigent Maybruck ein ‚zweites Exil‘ erlebt. Auch die von Roessler erwähnte geistige Verwirrung und die wiederholten Gespräche aus der Zeit der ersten Flucht finden sich in der uns vorliegenden Version nicht. 27 Milo Dor: Der vergessene Bahnhof. In: Hans Weigel (Hg.): Stimmen der Gegenwart 1953. Wien: Albrecht Dürer 1953, S.  107–116 [im Folgenden mit VB abgek.]. 28 Vgl. N.N.: [Ankündigung von Der vergessene Bahnhof]. In: Neues Österreich, 14.10.1948, S. 3. Unter den österreichischen Schreibenden des Untersuchungszeitraums wird Milo Dor neben Reinhard Federmann immer wieder als einer der wenigen kritischen politischen Autoren her- vorgehoben, da er offen gegen die Kontinuitäten des Nationalsozialismus, aber auch die radi- Narrative Wiederholungsstrukturen 261
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
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