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politischen Regime geforderten Sozialistischen Realismus zuwiderlaufen. Die
Figur Bechers in der Parodie bezeichnet seine Jugendwerke als „inzwischen
volksfern gewordene Gedichte“,30 die er umzuschreiben gedenkt. Darunter befin-
det sich eine in den Stil des Expressionismus transformierte Fassung des
Horst-Wessel-Liedes, des Kampflieds der SA, das seit Hitlers Machtergreifung
1933 eine zentrale Rolle in der nationalsozialistischen Propaganda spielte.
Zmentblaue Fahne. Reihenschluß gefestet.
Azure stürzen linkswärts Tritt und Schritt.
Berlin, Berlin! Der Röhrenhals von Fremdgeld glanz-gemästet,
O Totenmarsch, asphaltenst unser mit.31
Die ‚expressionistische‘ Version der Neumann’schen Parodie lässt zwar nicht die
SA marschieren, jedoch wird ebenfalls ein fester Reihenschluss glorifiziert, der
sich auf die am 7. März 1946 gegründete FDJ beziehen dürfte, die eine blaue
Fahne zum Symbol hatte. Die „andere Art“, auf die hier eine stramme Haltung
für eine bestimmte Richtung angenommen wird, ist bei Becher immer schon
„linkswärts“ gerichtet, jedoch deutet Neumann Parallelen zum Nationalsozia-
lismus durch gleiche Endreime (Schritt – mit) und gleiche Lexeme (Fahne, Rei-
he, Schluss, fest, Marsch) an.
Eine zusätzliche Dimension, die Neumann mit dem fiktiven Gedicht Bechers
anspricht, ist jene der Expressionismuskritik in der kommunistischen Kunstde-
batte. Die sogenannte Expressionismusdebatte begann durch Aufsätze Klaus
Manns und Alfred Kurallas (unter dem Pseudonym Bernhard Ziegler) in der
Exilzeitschrift Das Wort, in denen am Beispiel Gottfried Benns ein prinzipiel-
les Naheverhältnis zwischen Expressionismus und Nationalsozialismus unter-
stellt wurde.32 Aber schon vor dieser Debatte hatte Becher sich von seinem
expressionistischen Roman (CHCI=CH)³As (Levisite) oder Der einzig gerechte
30 Robert Neumann: Auf andere Art so stramme Richtung [1955]. In: Ders.: Die Parodien, S.
479–
482, hier S. 479.
31 Ebd. Die erste Strophe des Horst-Wessel-Lieds lautet: „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlos-
sen! / SA marschiert mit ruhig festem Schritt. / Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschos-
sen, / Marschier’n im Geist in unser’n Reihen mit. . [Zit. nach: David Machin, John
E. Richard-
son: Discourses of unity and purpose in the sounds of fascist music. A multimodal approach.
In: Critical Discourse Studies 9 (2012) H. 4, S. 329–345, hier S. 333.]
32 Vgl. Klaus Mann: Gottfried Benn. Die Geschichte einer Verirrung. In: Das Wort. Literari-
sche Monatsschrift
2 (1937) H.
9, S.
35–42. Bernhard Ziegler (i.e. Alfred Kurella): „Nun ist
dies Erbe zuende ...“. In: Das Wort. Literarische Monatsschrift 2 (1937) H. 9, S. 42–49.
Zu J.
R. Bechers Verhältnis zu der Debatte vgl. Hans-Jürgen Schmitt: Einleitung. In: Ders. (Hg.):
Die Expressionismusdebatte. Materialien zu einer marxistischen Realismuskonzeption. Frank-
furt/M.: Suhrkamp 1973, S. 7–27, hier S. 18 f. 263Intertextuelle
und historische Parallelen
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918