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leicht noch etwas sozialistisch-realistischer zu bearbeiten“37, nimmt er sich vor.
Die Verwendung des Neologismus „Marschfried“ plant die Figur Becher durch
einen offenen Brief mit einer absurden Argumentation zu untermauern:
„Erscheint es nicht auch Ihnen, lieber Genosse, daß unser Marschieren etwas
anderes ist als das der anderen, mit ihren McCarthys? Sie marschcarthen uner-
bittlich von Stufe zu Stufe – uns aber laßt marschfrieden!“ Das „Marschier’n“
des Horst-Wessel-Liedes ist zum „marschcarthen“ und „marschfrieden“ gewor-
den, befindet sich also in einem Verhältnis von Differenz und Wiederholung zu
beiden Seiten des Kalten Krieges, das durch die Wiederholung des Lexems
‚Marsch‘ symbolisiert und sichtbar gemacht wird.
Hitlers Wunderwaffe und die Atombombe
Eine andere Parallele zieht Ulrich Becher in mehreren seiner Texte, nämlich
zwischen dem Aufrüsten Hitler-Deutschlands vor dem Zweiten Weltkrieg und
der Aufrüstung im Kalten Krieg. Auf den Punkt gebracht wird dies in seinem
Roman kurz nach 4 (1957)38:
Die jahrelange Bedrohung der Erdenvölker mit totalem Krieg ist auferstan-
den, kaum daß sie gebannt wurde, in einer depersonalisierten Resurrektion,
die die Bedrohung ins Planetare steigert. La guele d’Hitler spukt im ersten
Atombombenpilz der Geschichte. (KV 71; kursiv im Orig.)
Die Gefahr eines Atomkriegs wird als Fortsetzung der faschistischen Pläne vom
„totalen Krieg“ wahrgenommen. Aber schon 1946 äußert Becher denselben Gedan-
ken in Bezug auf die Frage nach dem Weiterleben Hitlers nach Kriegsende:
Und der Hitler? Wozu das Rätselraten! Es liest doch jedes Kind aus der Miene sei-
ner Eltern, wo er steckt. Dass er sich – zumindest als Vorstellung der willkürlichen
Bedrohung, der allgemeinen Lebensunsicherheit, des Massenmord-Anspruchs –
in der kosmischen Bombe re-inkarniert hat.39
Diesen Gedanken, dass der Massentod durch den Krieg des Dritten Reiches und
der Massentod durch die Atomwaffe in Analogie zueinander stehen, verarbeitet
Ulrich Becher auch in einer 1949 in der DDR und 1950 in Österreich publizier-
37 Ebd.
38 Ulrich Becher: kurz nach 4. Hamburg: Rowohlt 1957, S. 71 [im Folgenden abgek. KV].
39 Ulrich Becher: Ein Nachwort zum Nürnberger Prozess. In: Das andere Deutschland 8 (1946)
H. 132, S. 8 f., hier S. 9. 265Intertextuelle
und historische Parallelen
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918