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aber zunächst beliebt und wurde auch 1952 wieder zu den Festspielen eingela-
den.52 Im Jahr zuvor hatte sich der Schauspieler allerdings wohl etwas zu weit
aus dem Fenster gelehnt, indem er im Tagebuch auf dem Jedermann-Text basie-
rende Spottverse veröffentlichte, in denen neben der US-Besatzung und -Prä-
senz bei den Festspielen auch die österreichische Regierung angegriffen und der
NS-Nähe beschuldigt wird:
Und nun laß uns die Reis antreten …
Wär auch a Red für regierende Marionetten!
Merk’s Poldi! Nachahmung erbeten!
[…]
Ungläubig als ein finsterer Heide,
in Wort und Taten frech vermessen …
Er hat sein Land und Volk vergessen
im grünen, braunen und schwarzen Kleide.53
Der Text bleibt in seinen Anschuldigungen oft undeutlich und unkonkret; so
geht nicht eindeutig hervor, ob mit der Person im ‚braunen Kleide‘ auch „Poldi“,
der Bundeskanzler Leopold Figl, gemeint ist, der von den Nationalsozialisten
immerhin zwei Mal ins Konzentrationslager verschleppt worden war. Dieser
Text und eine von Friedrich Torberg maßgeblich betriebene Kampagne gegen
Paryla führten letztlich zu einer Auflösung seines Vertrages seitens der Salzbur-
ger Festspiele.54 Torberg protestierte im Wiener Kurier vom 23.
Mai 1952 gegen
la sei, „weil im Privatleben zu rot, selbst für den Teufel“, im letzten Moment noch gegen Peer
Schmidt ausgetauscht worden (Hilde Spiel: Kabale und Kunst. Die Salzburger Festspiele 1952.
In: Der Monat 5 (1952) H. 49, Oktober, S. 69–74, hier S. 73).
52 Vgl. zu dem Thema insgesamt Evelyn Deutsch-Schreiner: Die Affäre Karl Paryla bei den Salz-
burger Festspielen. In: Dies.: Karl Paryla. Ein Unbeherrschter. Salzburg: Otto Müller 1992,
S.
112–120, und Michael Hansel: „...
ein Lackerl Geifer zu erzeugen“. Friedrich Torberg als Ver-
mittler und Verhinderer von Literatur. In: Marcel Atze und Marcus
G. Patka (Hg.): Die „Gefah-
ren der Vielseitigkeit.“ Friedrich Torberg 1908–1979. Wien: Holzhausen, 2008. S.
12–141, hier
S. 129 f.
53 [Karl Paryla]: Karl Paryla macht Zwischenrufe, S. 1.
54 Paryla kommentiert die Geschehnisse wie folgt: „Und dieses Pamphlet in der Zeitung hat
irgendwelche Intriganten und Feinde auf den Plan gerufen, den Torberg zum Beispiel. [...] Den
Torberg und den Weigel, ehemalige Emigranten, die jetzt so amerikahörig gearbeitet und
gedacht haben und den Linken eins auswischen wollten. Man hat mich also beschuldigt, ich
sei ein Nestbeschmutzer und so weiter. Und dann hat man die Salzburger Festspiele gezwun-
gen, meinen Vertrag zu lösen.“ Karl Paryla: [Interview] Keine Helden – aber Menschen, die
man nie vergisst! In: Carmen Renate Köper: Zwischen Emigration und KZ. Fünf Leben. Her-
mann Langbein, Viktor Matejka, Bernhard Littwack, Karl Paryla, Trude Simonsohn. Wien:
Edition Steinbauer 2008, S.
11–157, hier S.
152. Vgl. auch ebd. S.
140. Vgl. auch Deutsch-Schrei-
ner: Die Affäre Karl Paryla.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
270 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918