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tisch zeigten, mitunter nahtlos in die Nachkriegsgesellschaft integriert. Als sich
etwa der Schriftsteller Marcel Breit dem Chefredakteur der Zeitung vorstellt, bei
welcher auch Schindler angestellt ist, möchte dieser über die Vergangenheit Breits
aufklären: „Der Mann war zu meiner Zeit ein liberaler Bürgerlicher, [...]. Nun stellt
sich heraus, daß er im ‚Völkischen Beobachter‘ geschrieben hat.“ (HL 376) Diese
Mitteilung beeindruckt den Chefredakteur wenig: „Hoffentlich hat er nichts beson-
ders Arges geschrieben, diese Sachen hier können wir brauchen. Es sind Geschich-
ten, harmlose Geschichten.“ (ebd.). Da sich Breits unpolitische Literatur sowohl
im Dritten Reich als auch danach ‚verwenden‘ lässt, wird sie nach wie vor gedruckt.
Damit ist Breit symptomatisch für ein von Dor und Federmann schon 1952 kriti-
siertes Literatursystem, in dem über die Gräuel der NS-Zeit einfach hinweggegan-
gen wurde, auch von Kunstschaffenden, die im Dritten Reich wie Breit „gezwun-
gen gewesen war[en], eine öffentliche Rolle zu spielen“ (HL 374):
C: [...] [W]o ist das Bekenntnis der Ginzkey, Waggerl und Mell, das etwa dem
Bekenntnisbuch enttäuschter Kommunisten wie Arthur Koestler, Andre Gide,
Stephan Spender, Jgnazio Silone, Richard Wright, ‚Der Gott, der keiner war’ an
die Seite zu stellen wäre? Mit welchen Schriften sind die alten Nazi abgerückt von
der Vernichtung ungezählter Millionen in Bombenkellern, Konzentrationslagern,
Gaskammern und auf den Schlachtfeldern, deren Urheber Adolf Hitler sie einmal
so enthusiastisch gefeiert haben?
B: Mit keinem Wort. Sie haben [...] getan, als wäre nichts gesche[h]en. Waggerls
Bücher zählen zu den beglückendsten Geschenkbüchern [...]96
Der prominenteste gemeinsame Tisch in der österreichischen Nachkriegsliteratur
findet sich in Ingeborg Bachmanns Erzählung Unter Mördern und Irren aus ihrem
1961 erschienenen ersten Prosaband Das dreißigste Jahr.97 Bachmann entwirft dar-
in eine Urszene der Zweiten Republik, eine exemplarische Stammtischgesellschaft
im fiktiven Wiener Kronenkeller „mehr als zehn Jahre nach dem Krieg“ (UMI 159).
Dieser Stammtisch ist einer von zahllosen, die jeden Abend stattfinden. Und an
ihm wird die Frage abgehandelt, wie sich die österreichische Nachkriegsgesellschaft
konstituiert, wie ein Zusammenleben nach all den Verbrechen überhaupt möglich
ist. Opfer und Täter, Juden und Ex-Nazis, Emigranten und Opportunisten sitzen
dort vereint, allerdings mit unterschiedlichen Rollen. Während die ehemaligen
Wehrmachtssoldaten am Tisch „das große Wort“ (UMI 161) führen, von ihren
Kriegserfahrungen schwärmen und all die Verbrechen verschweigen, können sich
die Juden nur im Waschraum offen über das Vergangene unterhalten. Dort fragen
96 Dor, Federmann: NS-Parnass in Österreich, S. 11. Fehlerhafte Namensschreibung im Original!
97 Ingeborg Bachmann: Unter Mördern und Irren. In: Dies.: Werke. Hg. von Christine Koschel,
Inge von Weidenbaum, und Clemens Münster. Bd. II: Erzählungen. München, Zürich: Piper
1978, S. 159–186 [In der Folge zitiert als UMI].
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290 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918