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des Gestern, den Unzufriednen von Heute, den ‚ehemaligen Nationalsozialis-
ten‘. Beiderseits absolviert ward eine große Ablaßerteilung und Gesundbeterei:
Ex-Emigranten und Ex-Nazis machten einander hoffähig auf der Hatz nach Wie-
derergatterung verlustig gegangener Pfründe. Jäger und Schassierte von Gestern
hockten in schauerlicher Spießgesellenschaft an einem Stammtisch, den sie in ei-
nem Kaffeehaus der Jasomirgottgasse als billiges Blutgericht drapiert hatten, vom
Schandmäulergeifer befleckten, an dem ‚Leichen fabriziert‘ wurden, und wen der
Bannstrahl der Korona traf, der hatte mit eins gegen seine Ächtung zu kämpfen.
(KV 60 f.)
So deutlich wie nirgends sonst werden in dieser Tischszene der Kalte Krieg und
die Integration der ehemaligen Nazis kurzgeschlossen, um die Machtverhältnis-
se im Nachkriegsösterreich bloßzustellen. Unschwer zu erkennen sind in dieser
Polemik die Kaffeehausrunden der Remigranten Friedrich Torberg und Hans
Weigel im Café Herrenhof bzw. dem Café Raimund in Wien, denen der Vorwurf
gemacht wird, um ihrer „Pfründe“ willen alle Verbrechen der Vergangenheit
unter den Tisch kehren zu wollen, und das täten sowohl die Täter wie die Opfer.99
In grellen Metaphern und gespreizter Syntax werden sowohl die moralische Ver-
werflichkeit der Handlungen der Tischgenossen als auch deren Macht angegrif-
fen, ihren Gegnern zu schaden, was angesichts der Kampagnen und Denunzia-
tionen von Torberg und Weigel gegen kommunistische oder ihrer Ansicht nach
nicht ausreichend antikommunistische Künstler und Künsterlerinnen und Intel-
lektuelle mehr als plausibel ist.100 Torberg und Weigel waren nicht nur zentrale
99 Hans Weigel behauptete wiederholt, der Nationalsozialismus sei im Gegensatz zum Kommu-
nismus in der Nachkriegszeit kein Problem mehr. Weigel stand auch nicht an, sich bei der
Pürgger Dichterwoche 1954 mit Größen der Schriftstellerszene aus der NS-Zeit an einen Tisch
zu setzen, verunglimpfte aber die Teilnehmer des PEN-Kongresses 1955, sie säßen „mit Mör-
dern an einem Tisch“, da Teilnehmer aus kommunistischen Ländern zugegen waren. Vgl. Wei-
gel: In den Wind gesprochen. An die Delegierten des PEN-Kongresses! Dagegen nahm Weigel
den NS-Schauspieler Werner Krauss in Schutz. Vgl. Hans Weigel: Glosse. [Die Zeit ist längst
gekommen]. In: Welt am Montag. Die führende Montagszeitung, 18.12.1950, S. 5.
100 Vgl. Stefan Maurer, Günther Stocker: „Neutralisten“, „Fellow Traveller“, „trojanische Pferde“.
Figuren des Dritten in der Österreichischen Cold War Culture. In: David Eugster und Sibylle
Marti (Hg.): Das Imaginäre des Kalten Krieges. Beiträge zu einer Wissens- und Kulturgeschich-
te des Ost-West-Konfliktes in Europa. Essen: Klartext Verlag, 2015, S. 117–136, oder Michael
Hansel: „... ein Lackerl Geifer zu erzeugen.“ Friedrich Torberg als Vermittler und Verhinderer
von Literatur. In: Marcel Atze und Marcus G. Patka (Hg.): Die „Gefahren der Vielseitigkeit.“
Friedrich Torberg 1908–1979. Wien: Holzhausen, 2008. S.
121–141.Becher sah sich selbst eben-
falls als Opfer von Torbergs Intrigen. Auf einer Postkarte an Hans Muschik vom 20/21.4 1961
(datiert mit 5.4.1961) schreibt Becher: „seit 54, also seit 7 Jahren konnte der Faschist Torberg
dafür sorgen, daß ich auf dem Wiener Theater und in der Wiener Presse boykottiert wurde,
wie Sie wissen“. (Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, Handschriften-
sammlung, Sammlung Ulrich Becher).
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292 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918