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diesem Sinn und reagierte schon am 20. August 1945 mit dem Auftrag, eine
sowjetische Atomwaffe herzustellen. Die Spannungen zwischen Ost und West
standen in weiterer Folge unter dem Zeichen der Atomwaffenkonkurrenz; David
Holloway formuliert: „Nuclear weapons are so central to the history of the Cold
War that it can be difficult to disentangle the two.“10 Das sieht der österreichi-
sche Philosoph Günther Anders schon 1957, wenn er schreibt, dass „sich die
politische Lage – der Ausdruck ‚atomares Zeitalter‘ ist durchaus gerechtfertigt
– durch die Tatsache der Atomwaffen definiert“.11
Die hohen Kosten der Atomwaffenproduktion stellen einen zentralen Faktor
des Kalten Krieges dar, dessen Logik auf Abschreckung und Machtdemonstra-
tion anstatt auf direktem Gewalteinsatz aufbaut. Dies gilt zumindest für das
„Zentrum“12 des Kalten Krieges im Sinne der treibenden Kräfte dieses Konflikts,
das sich nicht durch physische Greifbarkeit, sondern durch eine imaginäre Pra-
xis auszeichnet.13 Der Atomkrieg verbleibt in der Potentialität, was den Zustand
für die USA mehr war, vertreten Robert Jungk: Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der
Atomforscher. Stuttgart: Scherz & Goverts 1956, S.
212–214. Ilona Stölken-Fitschen: Die Eno-
la Gay in Washington oder Zensierte Geschichte zum 50. Geburtstag der ersten Atombombe.
In: Salewski: Das nukleare Jahrhundert, S. 78–90, S. 81 f. Die These, dass Truman durch lite-
rarische Einflüsse zum Einsatz der Atombombe bewegt wurde, vertritt H.
Bruce Franklin: Fatal
Fiction: A Weapon to end all Wars. In: Nancy Anisfield (Hg.): The Nightmare Considered.
Critical Essays on Nuclear War Literature. Bowling Green: Bowling Green State Univ. Popular
Press 1991, S.
5–14. Die These, dass die Abschreckung der Sowjetunion nicht das primäre Ziel
der Atombombeneinsätze in Japan waren, vertritt Wilson Miscamble: The Most Controversial
Decision. Truman, the Atomic Bombs, and the Defeat of Japan. Cambridge [u.a.]: Cambridge
Univ. Press 2011.
10 Holloway: Nuclear Weapons and the Escalation of the Cold War, S. 376. Diese These vertreten
auch Campbell Craig, Sergey Radchenko: The Atomic Bomb and the Origins of the Cold War.
New Haven [u.a.]: Yale Univ. Press 2008.
11 Günther Anders: Gebote des Atomzeitalters. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.7.1957,
Wochenendausgabe/Feuilleton [S.
4.]. [Auch abgedruckt in: Claude Eatherly, Günther Anders:
Off limits für das Gewissen. Der Briefwechsel Claude Eatherly und Günther Anders. Übers. a.
d. Amerik. v. Günther Anders. Hg. v. Robert Jungk. Reinbek/H.: Rowohlt 1961, S. 26–34, hier
S. 31]. Auch laut dem Politikwissenschaftler Wilfried von Bredow wurde der Atomdiskurs
gleichzeitig mit der Ausweitung des Kalten Krieges zum „wichtigsten Ausdrucksmittel des Ost-
West-Konflikts“. Wilfried von Bredow: Der Atomdiskurs im Kalten Krieg (1945–1962). In:
Salewski: Das nukleare Jahrhundert, S. 91–101, hier S. 96.
12 Michael Geyer: Der kriegerische Blick. Rückblick auf einen noch zu beendenden Krieg. In:
Sowi. Sozialwissenschaftliche Informationen 19 (1990) H. 2, S. 111–117, hier S. 112.
Geyer unterscheidet zwischen Zentrum und Peripherie des Kalten Krieges, wobei die Periphe-
rie durch ‚heiße‘ Kampfhandlungen betroffen ist, während die Ursachen im kriegsberuhigten
Zentrum liegen.
13 Vgl. dazu die Beiträge in David Eugster, Sibylle Marti (Hg.): Das Imaginäre des Kalten Krieges.
Beiträge zu einer Kulturgeschichte des Ost-West-Konfliktes in Europa. Essen: Klartext-Verlag
2015. Der österreichische Atomkriegsdiskurs im internationalen Kontext 297
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918