Page - 298 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 298 -
Text of the Page - 298 -
eines Friedens, der keiner ist, eben den Kalten Krieg, erzeugt. Und dieser wird
immer wieder imaginiert, entworfen, neu konzipiert in Form von Propaganda-
darstellungen, politischen Spekulationen und militärischen Planspielen. Die
Ungreifbarkeit dieses Krieges betrifft auch die Figur des Gegners, da dieser sich
weder durch Uniform noch durch körperliche Merkmale zu erkennen gibt –
zumal im Falle einer Spionagetätigkeit.14 Und weiters betrifft sie die radioakti-
ve Strahlung als ein Phänomen, das erstens nicht wahrnehmbar ist, über das
zweitens zunächst wenig Wissen existierte und welches man drittens der Öffent-
lichkeit und dem Gegner zu verschweigen versuchte. Dazu gehört auch die ato-
mare Apokalypse als nur Imaginierbares, aber nicht Abbildbares.15 Die zentra-
le Bedeutung des Imaginären in den verschiedensten Formen für den Kalten
Krieg lässt es auch naheliegend erscheinen, dass besonders die fiktionale Lite-
ratur, die darin ja ihre besondere Kompetenz hat, die ‚unsichtbaren Kräfte‘ des
Atomzeitalters immer wieder literarisch inszeniert, ausmalt und bebildert.
‚Nuclear war narratives‘, also Erzähltexte, aber auch dramatische und lyrische
Formen, sowie Filme zum Thema atomare Bedrohung, stellen mittlerweile ein
breit behandeltes Thema der ‚Cultural Cold War Studies‘ dar.16 Die überwiegen-
de Zahl der in der Forschung behandelten Texte stammt aus dem englischspra-
chigen Raum, so etwa Aldous Huxleys Ape and Essence (1948), Judith Merrils
Shadow on the Heart (1950), Ray Bradburys The Martian Chronicles (1950), Nevil
Shutes On the Beach (1957), Peter Bryants (d. i. Peter Georges) Red Alert (1958),
Pat Franks Alas, Babylon (1959), Helen Clarksons The Last Day (1959), Wal-
ter
M. Millers A Canticle for Leibowitz (1959), Mordecai Roshwalds Level 7 (1959),
Eugene Burdicks und Harvey Wheelers Fail-Safe (1962) und Stanley Kubricks
Film Dr. Strangelove or How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb
(1963). Im deutschsprachigen Raum wären zu nennen Oskar Maria Grafs Die
Eroberung der Welt. Roman einer Zukunft (1949) oder Hans Hellmut Kirsts The
14 Vgl. zur Bedeutung der Unsichtbarkeit des Feindes in der US-amerikanischen Literatur Tom
Engelhardt: The End of Victory Culture. Cold War America and the Disillusioning of a Gene-
ration. New York: Basic 1995, S. 98.
15 Zu den Momenten der Undarstellbarkeit in der Kalten-Kriegs-Literatur vgl. Roland Vegsö: The
Naked Communist. Cold War Modernism and the Politics of Popular Culture. New York: Ford-
ham Univ. Press 2013. Speziell zur Atomapokalypse und deren (Un)Darstellbarkeit vgl. ebd.
Kap. 7, Nuclear holocausts.
16 Vgl. beispielsweise Paul Boyer: By the Bomb’s Early Light. American Thought and Culture at
the Dawn of the Atomic Age [zuerst 1985]. 2. Aufl. London, Chaple Hill: Univ. of Carolina
Press 1994. Spencer R. Weart: Nuclear Fear. A History of Images. Cambridge [u.a.]: Harvard
Univ. Press 1988. [Alvin Sullivan (Hg.):] Papers on Language and Literature
26 (1990) 1.
Special Issue on Nuclear Fiction. Anisfield (Hg.): The Nightmare Considered. Ilona Stölken-Fit-
schen: Atombombe und Geistesgeschichte. Eine Studie der fünfziger Jahre aus deutscher Sicht.
Baden-Baden: Nomos-Verl.-Ges. 1995.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
298 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918