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Vollends zerbricht das gute Verhältnis, als Thirring sich im Juni 1950 zum ers-
ten „Kongreß für kulturelle Freiheit“ nach Berlin einladen lässt.27 Unter dem
suggestiven Motto „Wer ist für den Frieden? – Wer ist für die Superatombom-
be?“ startet das Tagebuch eine Diskussion, in deren Rahmen ein Beitrag Thir-
rings publiziert und von der Redaktion negativ kommentiert wird:
Im Gegensatz zu Professor Thirring glauben wir, daß die amerikanischen Kriegs-
treiber, (nicht das amerikanische Volk), einen Angriffskrieg gegen die Sowjetuni-
on vorbereiten, [...]. Ehe noch die Atombombe als militärische Waffe in Erschei-
nung treten konnte, sollte sie als diplomatische Waffe, als Mittel der Erpressung,
ihre Wirkung tun. Die Atombombe in der Hand der Sowjetunion hat diesem Spiel
ein vorzeitiges Ende gesetzt, nicht der Friedenswille der amerikanischen Regie-
rung.28
In der kommunistischen Friedenspropaganda in Österreich wird also Amerika
als Aggressor dargestellt, der durch die Sowjetunion und deren Atomwaffenpro-
duktion in Schach gehalten wird, während die US-amerikanische Regierung und
die Hochfinanz auf einen atomwaffenunterstützten Angriffskrieg abzielen. Damit
wird allerdings eine Position bezogen, die spiegelverkehrt auch auf der Seite der
USA zu finden ist, da die Produktion von Atomwaffen dort mit der Notwendig-
keit begründet wird, dem sowjetischen Expansionsdrang Einhalt zu gebieten.29
Diese These wird von US-freundlichen Autoren und Journalisten immer wieder
verbreitet. So erklärt Friedrich Torberg, dass er zwar nicht für den Einsatz von
Atombomben einträte, dass die Atombombe aber „das einzig taugliche Abschre-
ckungsmittel gegen die ideologisch-imperialistischen Expansionsbestrebungen
27 Vgl. zum „Kongress für kulturelle Freiheit“ Kap. 4. Im Mai 1949 plante Thirring noch am Welt-
friedenskongress in Paris teilzunehmen, was jedoch aufgrund von Visa-Problemen scheiterte.
Vgl. Ernst Fischer: Österreich und der Kampf um den Frieden. In: Österreichisches Tage-
buch 4 (1949) H. 5, Mai, S. 4–6. Hans Thirring: Waffenstillstand im Kalten Krieg. In: Ebd.,
S. 6–8. Ders.: Stellungnahme zum Pariser Weltfriedens-Kongress. [Vortrag am 4.5.1949]. Hg.
v. Österreichischen Friedensrat. Wien: 1949.
28 N.N.: T[age] B[uch] diskutiert über die Wasserstoffbombe. Die Redaktion: Der Irrtum Profes-
sor Thirrings. In: Tagebuch 5 (1950) H. 6, 18.3.1950, S. 6.
29 John F. Kennedy erklärt in einer Rede anlässlich umstrittener Atomwaffentests, es sei aus Ver-
teidigungsgründen nötig, dass „die Vereinigten Staaten über eine wirksame Menge und Qua-
lität von Kernwaffen verfügen [...]. Nur eine solche Stärke gibt uns Sicherheit, vor einem nuk-
learen Angriff oder einem übermächtigen Angriff mit Landstreitkräften gegen unsere Truppen
und unsere Alliierte abschrecken zu können. […] Wenn diese Abschreckungsstärke, verglichen
mit der irgendeines anderen Landes wirksam und glaubhaft sein soll, muss sie die modernsten,
zuverlässigsten und vielseitigsten Atomwaffen umfassen, die unsere Forschung und Technik
hervorbringen können.“ John
F. Kennedy: Kernversuche und Abrüstung. Eine Rede. 2.3.1962.
Hg. v. United States Information Service 1962, S. 4.
Der österreichische Atomkriegsdiskurs im internationalen Kontext 301
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918