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Albert Schweitzers zu sehen ist.35 Ab 1960 entwickelte sich außerdem die partei-
unabhängige Ostermarschbewegung.36 Alle diese Kampagnen gingen nicht von
KP-nahen Akteuren aus, jedoch verwischte die kommunistische Propaganda
absichtlich die Grenzen zwischen diesen nichtkommunistischen und den kom-
munistischen Friedensbewegungen. So schreibt Ernst Fischer 1957:
Der Kampf gegen den Atomtod, dem durch die Aktionen der Gelehrten wirkungs-
volle Hilfe zuteil wird, hat ein erfolgverheißendes Ausmaß angenommen. [...] Die
Bewegung geht weit über die Arbeiterschaft hinaus, erfaßt alle Menschen, deren
Gewissen nicht abgestorben ist. So haben sich zum Beispiel die Stadtsenate von
München, Hamburg, Verona einmütig dieser Bewegung angeschlossen. Nicht nur
Parteien, Gewerkschaften, Städte, sondern auch Staaten wie Indien, Indonesien,
Japan, nehmen an der Bewegung gegen den Atomtod teil.37
Die Friedensinitiative erscheint in solchen kommunistischen Darstellungen als
international, politisch unverbindlich, moralisch aufgeladen und nur ganz neben-
bei auch zur partiellen Zusammenarbeit mit kommunistischen Organisationen
bereit. Damit sollte die Position des Antikommunismus geschwächt werden,
dessen Verfechter ihrerseits diese Absicht aufzuzeigen und anzuklagen versuch-
ten. So griffen Hans Weigel und Friedrich Torberg westdeutsche und österrei-
chische Schriftsteller und Schriftstellerinnen an, welche die Aktion ‚Kampf dem
Atomtod‘ unterstützten.38 Im Nachlass Hans Weigels in der Wienbibliothek fin-
für Sozialpolitik, Wirtschaft und Betrieb
11 (1957) H.
6, Juni, S.
1
f. Der hier zum Aus-
gangspunkt nichtkommunistischer Atomwaffenproteste gewählte Aufruf der ‚Göttinger Acht-
zehn‘ wurde am 12.
April 1957 veröffentlicht. Der deutsche Schriftsteller Günther Weisenborn
verfasste zu diesem Thema das Drama Göttinger Kantate (1958). Friedrich Torberg polemi-
sierte gegen den Aufruf der Göttinger Physiker. Vgl. Friedrich Torberg: Forvm des Lesers. In:
Forvm
5 (1958) H.
50, Februar, S.
60. (auch in: Ders.: PPP. Pamphlete. Parodien. Post Scripta.
München, Wien: Langen Müller 1964, S. 113–115.) Vgl. zur Bedeutung der Göttinger Acht-
zehn für die Atomprotestbewegungen Raulff: Strahlungen, S. 71 f.
35 Albert Schweitzer: Die Atomgefahr, in der wir heute leben. Der Wortlaut der Radioansprache
Albert Schweitzers an die Welt [23.
April 1957]. Zürich: o.
V. 1957. Vgl. die Reaktion Adenau-
ers auf diese Rede: Konrad Adenauer: Bericht zur politischen Lage vor dem Bundesparteivor-
stand der CDU in Hamburg (Planten und Blomen) 11.
Mai 1957. In: Ders.: Reden: 1917–1967.
Eine Auswahl. Hg. v. Hans-Peter Schwarz. Stuttgart: DVA 1975, S. 353–360.
36 Holger Nehring: Angst, Gewalterfahrungen und das Ende des Pazifismus. Die britischen und west-
deutschen Proteste gegen Atomwaffen, 1957–1964. In: Greiner, Müller, Dierk (Hg.): Angst im Kal-
ten Krieg, S. 436–464, hier S. 438. Nehring: Cold War, Apocalypse and Peaceful Atoms, S. 153.
37 Ernst Fischer: Die Atomgefahr. Hg. v. d. KPÖ. Wien: Globus [1957], S. 14 f.
38 Vgl. Friedrich Torberg: ‚Fast das ganze geistige Deutschland ...‘. Zu den Protestaktionen der
bundesdeutschen Intellektuellen [1958]. In: Forvm 5 (1958) H. 53, Mai, S. 166 f. Auch abge-
druckt in: Ders.: PPP, S.
118–124. Hans Weigel: Offener Brief in Sachen Unterschrift. In: For-
vm 5 (1958) H. 54, Juni, S. 218.
Der österreichische Atomkriegsdiskurs im internationalen Kontext 303
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918