Page - 304 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 304 -
Text of the Page - 304 -
det sich eine Broschüre mit dem Titel Verschwörung gegen die Freiheit, welche
es sich zur Aufgabe macht, Verbindungen zwischen diversen Friedensorganisa-
tionen und kommunistischen Parteien aufzuzeigen.39
Der Kontext des Kalten Krieges bestimmte so pazifistische oder atomwaffen-
kritische Äußerungen, die in betroffenen Staaten auch durch die traumatische
Erfahrung des Zweiten Weltkrieges geprägt40 und entsprechend emotional besetzt
waren.41 Dieser Befund einer emotionalen Aufladung des Themas mit morali-
schen Werten gilt auch für Österreich. Viele Texte verstehen sich als Warnun-
gen, welche ein allgemeines Problembewusstsein schaffen und so die Gefahr
eines Weltkrieges mit atomarer Waffenunterstützung minimieren wollen. Aber
auch die eminente Bedeutung der Atomkraft als Energieform im Kampf um
weltpolitische Macht und die mit der neuen Technologie verbundene Faszina-
tion, die sich in mythischen und religiösen Bildfeldern manifestiert, finden in
der österreichischen Literatur ihren Niederschlag. Die Auseinandersetzungen
mit diesem Thema befinden sich im sensiblen Spannungsfeld zwischen politi-
scher Vereinnahmung und literarischem Utopismus, der in seiner radikalsten
Form postapokalyptische Szenarien für neuartige Lebensentwürfe nutzt. Die
folgenden Ausführungen sollen Beispiele für die Manöver literarischer Texte im
skizzierten Diskursraum aufzeigen.
Krieg oder Frieden = Bombe oder Kraftwerk
Im Zentrum des Romans Zwischen Gott und Teufel42 (1952) des in Linz gebore-
nen Ingenieurs und Schriftstellers Alfred Heller, der einst populäre Romane ver-
fasste und heute vergessen ist, steht ein Wettrennen zwischen Wissenschaftlern
und Geheimdiensten um das neueste technische Wissen über eine effektivere,
leichter herzustellende und zu transportierende Atomwaffengattung, eine ver-
besserte Wasserstoffbombe. Dieser Plot reagiert auf den sich verschärfenden
39 Vgl. Münchner Arbeitsgruppe „Kommunistische Infiltration und Machtkampftechnik“ im
Komitee „Rettet die Freiheit“ (Hg.): Verschwörung gegen die Freiheit. Die kommunistische
Untergrundarbeit in der Bundesrepublik. Presse, Rundfunk, Verlagswesen. Gewerkschaften.
Bundeswehr. „Friedensbewegung“ und Atomtod-Kampagne. Sektor „Kultur“. Parteien. Jugendor-
ganisationen. München: o. V. [ca. 1960], S. 37 u. 114.
40 Nehring: Angst, Gewalterfahrungen und das Ende des Pazifismus, S. 440.
41 Illona Stölken-Fitschen hält fest: „Auffällig an der deutschen Auseinandersetzung um die Bom-
be war der starke moralische Impetus, der die Diskussion von Anfang an prägte.“ Ilona Stöl-
ken-Fitschen: Bombe und Kultur. In: Michael Salewski (Hg.): Das Zeitalter der Bombe. Die
Geschichte der atomaren Bedrohung von Hiroshima bis heute. München: Beck 1995, S. 258–
281, hier S. 275.
42 Alfred Heller: Zwischen Gott und Teufel. Roman um Atomspionage. Salzburg: Das Berg-
land-Buch 1952 [im Folgenden abgek. ZGT].
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
304 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918