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sche Situation der Handlung zeigt eine nomadisierende Menschengruppe, die
auf wenige Ressourcen beschränkt ist und einen Großteil ihrer kulturellen Errun-
genschaften verloren hat. Wissen über die Zeit vor der Katastrophe existiert nur
noch rudimentär. Gegenstände aus der Zeit vor der Katastrophe ebenso wie
sprachliche Relikte haben nun Rätselcharakter. Aus nicht näher erklärten Grün-
den taucht allerdings der Physiker Albert in der postapokalyptischen Welt auf,
der volles Bewusstsein über die weltpolitische Situation im Atomzeitalter besitzt.
Die Nomaden verlangen umfassende Erklärungen von ihm und während er sei-
ne Geschichte erzählt, erkennt er die Gefahr der teuflischen Verführung für den
Wissenschaftler, die als faustische Problematik dargestellt wird und findet zu
einem moralischen Verhalten im Sinne der christlichen Ethik zurück.
Alberts Arbeit an Raketentriebwerken, die der Beförderung von Atomwaffen
dienten, hatte die weitgehende Zerstörung der Zivilisation mitermöglicht. Zu
dieser Arbeit wurde er allerdings von einer halb realistisch gezeichneten, halb
als imaginär ausgewiesenen Figur namens „Herr Co“ verleitet. Die Nomaden
stellen die Frage, warum dieser Mensch solche Macht über Albert entfalten konn-
te und vermuten gemäß ihrem primitiven Wissensstand magische Praktiken:
„Hat er dich behext? Habt ihr euer Blut vermischt?“ (EIS 48) Albert antwortet:
„Ich hatte einen Vertrag mit ihm.“ (ebd). In einem darauf folgenden Dialog wirft
Albert Herrn Co vor: „Ah, Sie geben endlich zu, der Teufel zu sein?“, worauf
dieser ausweichend antwortet: „Nicht so direkt! – Ich bin am Menschen inter-
essiert, das ist alles!“ (ebd). Er wiederholt damit sinngemäß eine Äußerung
Mephistopheles’ aus Goethes Faust, der sein Interesse am Menschen mit dem
der Katze an der Maus vergleicht. Wie Mephistopheles im „Prolog im Himmel“
die Schöpfung kritisiert, so kritisiert auch Herr Co: „Die natürliche Welt: Eine
Fehlkonstruktion! Wir verbessern die Schöpfung!“ (EIS 49) Er stachelt zudem
Albert auf: „Zu durchschauen! Um endlich den letzten Schleier wegzureißen,
um endlich das Unsagbare auszusprechen.“ (ebd)95
Nicht nur Friedrich Kühnelt, der immer wieder eine religiöse Ethik als
Lösungsansatz in seinen Texten präsentiert, auch Friedrich Heer stellt die Anma-
ßung der göttlichen Macht durch die Menschen als eines der Grundprobleme
der Moderne dar, die zugleich als der „achte Tag der Schöpfung“96 bezeichnet
wird, an dem der Mensch an Gottes Stelle tritt:
95 Auch die Metapher der Verschleierung für die Geheimnisse der Natur stammen aus Goethes
Faust: „Geheimnisvoll am lichten Tag / Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben“ (Goethe:
Faust, S. 43).
96 Vgl. den Titel seines Romans Der achte Tag, sowie Josef P. Mautner: „Der achte Tag.“ Versuch
einer prophetischen Antiutopie. In: Richard Faber (Hg.): Offener Humanismus zwischen den
Fronten des Kalten Krieges. Über den Universalhistoriker, politischen Publizisten und religi-
ösen Essayisten Friedrich Heer. Mit persönlichen Erinnerungen von Carl Amery und Reinhold
Knoll. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005, S. 51–74, hier S. 70 f.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
324 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918