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man kosmischen Strahlen ausgesetzt, die im Grunde genommen viel gefährlicher
seien als die Strahlen, die von einer Atombombenexplosion kommen, wenn man
nicht unmittelbar mit der Nase an der Bombe ist. Wieder andere sagen, es ist un-
berechenbar, man weiß es nicht genau usw. usw. Jedenfalls werden wir versuchen
müssen, da Aufklärung hineinzubringen. Es scheint so, als ob maßlos übertrieben
werde. Ich kann nur sagen, es scheint so.104
Im deutschsprachigen Raum kommt noch die Verantwortung für den Zweiten
Weltkrieg hinzu, die zu einer besonders hohen Bereitschaft, (Atom)waffen zu
kritisieren bzw. zu dämonisieren führte. So zeichnen sich die Protestbewegun-
gen in Deutschland etwa gegenüber jenen in England dadurch aus, dass sie einen
befürchteten Krieg weitaus katastrophaler darstellen.105
Unsichtbar, unfassbar, Ungeheuer
Die Schwierigkeiten bei der Benennung und Erklärung der Atomkraft resultie-
ren auch daraus, dass die zeitgenössische Gesellschaft einem bislang nicht vor-
stellbaren und schwer durchschaubaren Phänomen gegenüberstand, das nur
durch die Herstellung von Relationen zu bereits bekannten Phänomenen erfasst
werden konnte. Günther Anders sieht es als eine besondere Gefahr an, „daß wir
unseren eigenen Produkten und deren Effekten nicht weniger ahnungslos und
nicht weniger atemlos gegenüberstehen, als wenn sie Objekte wären, die Bewoh-
ner eines fremden Planeten uns unaufgefordert ins Haus geliefert hätten“.106 Die
Atomspaltung sei gar nicht vorstellbar auf der Grundlage des Arsenals von Kate-
gorien und Bildern, die den Zeitgenossen zur Verfügung standen:
[I]n welcher Kategorie immer wir es auch denken würden, wir würden es falsch
denken, weil es, einer Klasse von Gegenständen zugeordnet, zu ‚einem unter an-
deren‘ gemacht und dadurch bagatellisiert wäre. [...] Unseligerweise ist es gerade
diese (monströse) Nirgendzugehörigkeit, die es mit sich bringt, daß wir den Ge-
genstand vernachlässigen oder einfach vergessen.107
104 Konrad Adenauer: Bericht zur politischen Lage vor dem Bundesparteivorstand der CDU in
Hamburg, S. 360.
105 Nehring: Cold War, Apocalypse and Peaceful Atoms, S. 151. Zu der in den 1940er bis 1960er-Jah-
ren verbreiteten Assoziation der Bomben von Hiroshima und Nagasaki mit der Shoa vgl. Raulff:
Strahlungen, S. 29 f. u. 33.
106 Günther Anders: Der Mann auf der Brücke. Tagebuch aus Hiroshima und Nagasaki. München:
Beck 1959, S. 9 f.
107 Anders: Gebote des Atomzeitalters. [In: Eatherly, Anders: Off limits für das Gewissen, S. 30].
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328 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918