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Die Schwierigkeiten der Darstellung der Atomkraft dürfen laut Anders nicht
dazu führen, sie gänzlich aus dem Diskurs zu verbannen. Vielmehr ist gerade
die Imagination der atomaren Bedrohung nötig, um mit dieser umzugehen.108
Um diese ‚Monstrosität‘ zur Darstellung zu bringen, wird sie in Anlehnung an
diverse mythische und metaphysische Kategorien sowie durch Metaphern und
Vergleiche visualisiert.
Die Unsichtbarkeit und Ungreifbarkeit des Phänomens der Radioaktivität
verbindet Helmut Schwarz in seinem ungedruckten Drama Im Aschenregen (UA:
Linz 1962) mit einer metaphysischen Dimension. Der Autor selbst soll den Text
als „Versuch einer metaphysischen Deutung jener Erbschäden, die durch radi-
oaktive Strahlung ausgelöst werden“,109 bezeichnet haben. Die Handlung zeigt
drei US-amerikanische Soldaten im Sonderurlaub zusammen mit ihren Frauen.
Der vierte Mann, Mac, wurde ins Spital gebracht, angeblich mit einem leichten
Unwohlsein. Die Soldaten ahnen nicht, dass sie bei ihrer letzten Übungsmission
einem radioaktiven „Aschenregen“ ausgesetzt waren. Die Nukleartechnologie
in Militär und Wissenschaft wird einerseits mit den USA als der fortschrittlichs-
ten Nation auf diesem Gebiet verbunden, andererseits aus christlicher Perspek-
tive als Frevel gedeutet, indem auf Strafphantasien aus dem Alten Testament wie
die sieben Plagen Ägyptens und der Feuerregen von Sodom und Gomorrha ver-
wiesen wird.110 Die katastrophalen Auswirkungen der Radioaktivität deuten auf
eine metaphysische Dimension, die eine Besinnung auf christliche Werte ver-
langt.
In dem äußerst erfolgreichen und bis heute immer wieder neu aufgelegten
Jugendroman des österreichischen Autors Karl Bruckner, Sadako will leben!
(1961), wird das Flugzeug „Enola Gay“, das die erste Bombe auf Hiroshima
abwirft, mit einem „geflügelte[n] Ungeheuer der Vorzeit“ (SWL 86) verglichen
und dadurch als unheimlich markiert. Den Namen der Titelheldin, Sadako Sasa-
ki, übernimmt Bruckner von einer historischen Person, die zehn Jahre nach dem
Bombenabwurf mit zwölf Jahren an den Spätfolgen starb. Durch ihre Jugend
108 Vgl. Anders: Thesen zum Atomzeitalter, S. 96. Dazu auch: Annegret Jürgens-Kirchhoff: ‚Artists
against Nuclear War‘ (1958–1962). A Touring Exhibition at the Time of the Cold War. In: Ben-
jamin Ziemann (Hg.): Peace Movements in Western Europe, Japan and the USA during the
Cold War. Essen: Klartext 2008, S. 209–234, hier S. 209 f.
109 Gerstinger: Helmut Schwarz, S. 16.
110 Vgl. zur Zerstörung von Sodom und Gomorrah durch einen Regen aus Schwefel und Feuer –
in Schwarz’ Drama reicht schon die Asche aus – 1.
Buch Mose, 19,24. Vgl. zur göttlichen Stra-
fe des Todes der Erstgeborenen in Ägypten 2. Buch Mose, 11,5. Auch die Frauen und Freun-
dinnen der Soldaten bekommen – ebenfalls der Traumvision Marys zufolge – tote oder bald
nach der Geburt sterbende Erstgeborene. Die zweiköpfige Kröte im Drama verweist mögli-
cherweise auf die erste ägyptische Plage, die aus Fröschen besteht. Explizit genannt werden
diese Bibelstellen als Motto und auf Bl. 35. Atomfaszination und Atomangst 329
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918