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da Becher das ‚falsche‘ Ziel anprangere: „Auch ist nicht eigentlich die Atombom-
be die entscheidende Weltbedrohung unserer Tage, sondern die unmenschliche
und unsittliche Doktrin und Praxis der Willkürherrscher im Kreml.“135 Ganz
ähnlich schreibt auch Friedrich Torberg: „[D]ie Parole ‚Lieber tot als Sklav’!‘ ist
ungleich anspruchsvoller als die Parole ‚Gegen den Atomtod!‘“136
An der Wende der Jahre 1957/58 schwenkte die öffentliche Meinung in der
BRD und Österreich dennoch vielfach gegen weitere Atombombentests und ein
fortgesetztes Wettrüsten um. In der von Robert Jungk eingeleiteten Broschüre
Könnte Österreich überleben? (1964) werden die Lesenden darüber aufgeklärt,
dass Österreich von einem Atomkrieg zwischen USA und UdSSR schwer getrof-
fen werden würde:
Besonders stark wäre er [radioaktiver Niederschlag] aller Voraussicht nach in
den mittleren Breiten der nördlichen Halbkugel, in der die meisten mutmaßli-
chen Ziele eines atomaren Weltkrieges liegen. Denn die radioaktiven Spaltpro-
dukte, die in die höheren Schichten der Troposphäre […] gelangen, werden von
den dort vorherrschenden west-östlichen Luftströmungen vor allem entlang den
Breitenkreisen rings um die Erde getragen. Selbst wenn alle Bomben über den
USA explodierten und keine in Europa, […] wäre die Verseuchung Europas durch
radioaktive Niederschläge kaum geringer, als wenn ein Teil der Explosionen in
Europa selbst stattfände.137
Im Anhang dieser Broschüre sind die Mitglieder des Patronanzkomitees des
österreichischen Ostermarsches verzeichnet. Dort findet sich der kommunisti-
sche Radiochemiker Engelbert Broda ebenso wie der antikommunistische Gra-
zer Theologe Johannes Ude,138 der kommunistische Radiologe Georg Fuchs139
135 Ebd.
136 Torberg: ‚Fast das ganze geistige Deutschland
...‘, S. 167. Auf diese „Parole“ reagierte auch Hans
Henny Jahnn am 25.
April 1958 in der SPD-Zeitung Vorwärts. Vgl. Raulff: Strahlungen, S.
72
f.
137 Österreichische Aktion für Frieden und Abrüstung (Ostermarsch gegen Atomgefahr) (Hg.):
Könnte Österreich überleben? Die Folgen eines totalen Atomkrieges. Vorwort v. Robert Jungk.
Wien, München: Jugend und Volk 1964, S. 21 f.
138 Dieser verfasste auch eine Broschüre mit dem Titel Drei SOS-Rufe! 1. SOS-Ruf an alle Friedens-
freunde der Welt! 2.
Auf welche Art und Weise könnten und sollten, unter Voraussetzung völ-
liger Abrüstung in der ganzen Welt, die dadurch ersparten materiellen Mittel zum Besten der
gesamten Menschheit verwendet werden? Rundfunkvortrag 3.
Entweder Christus oder Atom-
bombe! Predigt, gehalten
...
am 4.
Juni 1959 in
...
St. Kanzian am Klopeinersee 4.
Brief an einen
Freund in Westdeutschland. Johannes Ude: Drei SOS-Rufe! Grundlsee: Selbstverl. 1960. [Wien-
bibliothek, Signatur: A150018] Darin heißt es: „Furchtbare Verantwortung ladet also Ihr alle
auf Euch, die Ihr vom Götzen Atombombe und nicht von Christus den Frieden erhofft.“ (Ebd.,
S. 23) Zugleich wird der Kommunismus als amoralisch und als eigentliches Problem des Kal-
ten Krieges verstanden.
139 Von diesem stammt die Broschüre Atomkrieg, Strahlenkrankheit, Strahlentod. Wien: Sensen
Anti-Atom = Politik? Die feinen Unterschiede im Friedenskampf 337
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918