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Krieges mit Atom- und anderen Massenvernichtungswaffen vor jedem mögli-
chen Krieg nach 1945 zu warnen versucht. Tod und Zerstörung durch effektivs-
te Waffengattungen treffen darin nicht politische, sondern ‚allgemeinmenschli-
che‘, ‚kreatürliche‘ Ziele: „Man sah es in Städten, an Badestränden, auf weiten
Farmgebieten – den plötzlichen unsichtbaren Seuchenstrahl, der die wehrlosen,
schuldlosen Menschen und Tiere in letzter Atemnot und mit verfärbten Gesich-
tern und Leibern niederwarf.“ (AM 292) Als ein Grundübel solcher Katastrophen
wird der fatalistische Glaube an die Unabwendbarkeit von Kriegen angesehen,
der sowohl der westlichen als der sowjetischen Philosophie zugeschrieben wird,
wodurch Kritik an beiden Seiten des Kalten Krieges geübt wird:
Manche Politiker wollen es [dass es immer wieder zu Kriegen kommt; d. Verf.]
wissenschaftlich damit erklären, daß es so ‚Naturgesetz‘ sei. Sie sagen: ‚Krieg war,
ist und wird immer sein‘. Und ihre Gegner erklären es, wie sie glauben, anders
wissenschaftlich mit dem gleichen Effekt; sie sagen: ‚Die Entwicklung spielt sich in
Gegensätzen ab, der dialektische Materialismus erklärt sie euch als Kampfprozeß‘.
(AM 97) 143
Der pazifistische, in Torbergs Sinne wohl ‚neutralistische‘ Roman Augenzeuge
Menschheit wurde nicht publiziert. Anders verhält es sich mit Texten Karl Bruck-
ners und Ulrich Bechers, die ebenfalls zugunsten einer Parteinahme für Frieden
und Abrüstung die von Torberg geforderte Abgrenzung gegen den Kommunis-
mus vernachlässigten. Ulrich Bechers Nachlass im Schweizer Literaturarchiv
enthält gesammelte Zeitungsausschnitte, die in engem Bezug zu seinen literari-
schen Texten stehen. Dort finden sich triumphierende Meldungen über den
erfolgreichen Atombombenabwurf in Japan vom 15. August 1945, die in der
143 Geist hatte schon im Zweiten Weltkrieg die Mitwirkung am Krieg verweigert und sich bald
nach Kriegsende eingehend mit Atomwaffen als neuester Kriegswaffengattung befasst. Geists
Sohn berichtet etwa, dass R.
Geist sich mit Laurence’ Dämmerung über Punkt Null beschäftig-
te. Vgl. Karl-Markus Gauss, Till Geist (Hg.): Der unruhige Geist. Rudolf Geist. Eine Collage.
Salzburg: Otto Müller 2000, S. 200. In seinem selbstgegründeten Verlag gab R. Geist bereits
1948 eine Übersetzung des Anti-Atom-Dramas A Giant’s Strengh (1948) von Upton Sinclair
heraus. Upton Sinclair: Eines Riesen Kraft. Drama in drei Akten. Wien: Rudolf Geist 1948. Das
Drama wurde ebenfalls in einer deutschen Fassung im Februar 1949 im „Theater der 49“ in
Wien aufgeführt. Vgl. die Rezension: Z. o: Spiel vom Atomkrieg. In: Arbeiter-Zeitung,
26.2.1949, S.
5. Helmut Schwarz: Gründerjahre des Wiener Kellertheaters. In: Milo Dor (Hg.):
Die Verbannten. Eine Anthologie. Graz: Stiasny 1962, S. 109–113, hier S. 111: „Es waren, his-
torisch gesehen, zeitweils bedeutsame Abende, als zum erstenmal […] die deutschsprachige
Erstaufführung von Upton Sinclair’s ‚A Giant’s Strenght‘ im Theater der 49 gezeigt wurde, da
noch kaum irgendwo sonst das Thema der radioaktiven Verseuchung in der Literatur zur Dis-
kussion gestellt worden war.“
Anti-Atom = Politik? Die feinen Unterschiede im Friedenskampf 339
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918