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kranichen, die er aus Japan mitbrachte.154 Anders, der sich intensiv für ein Atom-
waffenverbot einsetzte,155 war vor Anfeindungen ebenfalls nicht gefeit. In seiner
Ansprache zur Staatspreisverleihung am 29. Januar 1980 erklärt er seine Ziele
als Kulturpublizist und Philosoph, für die er auch oft genug kritisiert worden
sei:
[Ich hatte] die Gedanken- und Phantasielosigkeit derer an den Pranger gestellt,
die sich für atomare Waffen einsetzten; [...] Von meinen schroffen Protesten gegen
den Sowjeteinmarsch in die CSSR hat man freilich weniger Notiz genommen, weil
diese Proteste nicht in das simple Wunschbild, richtiger: das gewünschte Haßbild,
das man sich von mir machte, hineinpaßte [sic].156
An Beispielen wie Günther Anders, Robert Jungk, Karl Bruckner und Ulrich
Becher zeigt sich, wie schwierig es für zeitgenössische Intellektuelle war, sich
gegen Atomwaffen auszusprechen, ohne in den Dunstkreis kommunistischer
Propaganda und damit verbundene Anfeindungen zu geraten. Gerade die schein-
bar unpolitische, allgemein menschliche Thematik war eines der politisch am
heißesten umkämpften Felder im Kalten-Kriegs-Diskurs.157
154 Vgl. Ernst Seibert: Wer Anders sagt, muss auch Bruckner sagen: „Sadako will leben“ jenseits
der Jugendbuchgattungen. In: Fuchs, Schneck (Hg.): Der vergessene Klassiker, S.
125–142, hier
S. 126. Als Quelle wird hier genannt: Kurier, 7.1.1961, S. 5. Die Quellenangabe konnte nicht
verifiziert werden.
155 Vgl. zu Anders’ Engagement gegen atomare Aufrüstung im Kontext des Kalten Krieges: Ben-
jamin Ziemann: Situating Peace Movements in the Political Culture of the Cold War. Introduc-
tion. In: Ders. (Hg.): Peace Movements in Western Europe, Japan and the USA during the Cold
War, S. 11–38, hier S. 12–15.
156 Günther Anders: Ansprache Staatspreisverleihung. 29.1.1980. Autographensammlung der
Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, Wien, H.
1. Anders, Günther, 7
Bl.,
hier Bl. 2.
157 Heftige Kritik für ihr Engagement gegen atomare Rüstung musste auch Ingeborg Bachmann
einstecken. Sie gehörte dem Präsidium und Beirat des „Komitees gegen Atomrüstung“ an, das
u.a. von Hans Werner Richter initiiert wurde und am 18.
April 1958 in München eine Massen-
demonstration organisierte. In diesem Zusammenhang unterschrieb sie auch zusammen mit
zahlreichen anderen Intellektuellen eine Protestbekundung, die unter dem Titel Das geistige
Deutschland protestiert in der Zeitschrift Die Kultur veröffentlicht wurde. N.N.: Das geistige
Deutschland protestiert. In: Die Kultur. Eine unabhängige Zeitung mit internationa-
len Beiträgen, 15.4.1958, S.
3. Den Aufruf unterzeichneten neben Ingeborg Bachmann noch
weitere österreichische Autoren und Autorinnen: Ilse Aichinger, Ulrich Becher, Hans Habe
und Robert Neumann. Hauptsächlich scheinen freilich bundesdeutsche Intellektuelle auf. Die-
ses Engagement Bachmanns wurde von ihrem ehemaligen Förderer Hans Weigel öffentlich auf
überaus herablassende und bevormundende Weise kritisiert. Vgl. Weigel: Offener Brief in
Sachen Unterschrift.
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342 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918