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Hälfte des Erdkreises wird von der ‚heliogermanischen‘ Herrenrasse, die andere
von den logischerweise gleichfalls siegreichen Japanern unterjocht.168
Damit wird eine Situation imaginiert, in der das Regime Hitlers erst zu einem
Totalitarismus fähig geworden wäre, wie er laut Günther Anders im Atomzeit-
alter gedacht werden muss: „Hitlers Totalitarismus war noch imperfekt. Erst ein
atomares Monopol hätte die Krönung des nationalsozialistischen Systems bedeu-
tet.“169 Basils Roman zeigt genau diese Horrorvision beider Seiten des Kalten
Krieges, die sich aber– nicht zuletzt durch die Darstellung der Weiterentwick-
lungen auf dem Waffensektor – auch klar auf die konkrete Situation der
1960er-Jahre beziehen lässt. Im Grunde spitzt er damit ähnlich wie Ulrich Bechers
kurz nach 4, in dem der drohende Atomkrieg als Fortführung der Bedrohung
durch den „totale[n] Krieg“ im Sinne Hitlers dargestellt wird, zu: „La guele d’Hit-
ler spukt im ersten Atombombenpilz der Geschichte.“ (KV 71; kursiv im Orig.)
In Hannelore Valencaks Roman Die Höhlen Noahs wird buchstäblich eine
Atomapokalypse geschildert, wobei allerdings nicht primär Kritik an den Akteu-
ren des Kalten Krieges geübt wird, sondern die Überlebensfähigkeit und der
Lebenssinn der Menschheit insgesamt in Frage gestellt wird. Dabei wird an Nar-
rativen wie dem biblischen Sündenfall oder dem Brudermord Kains die Schuld-
fähigkeit von Menschen in einer säkularisierten Welt thematisiert. „Der Alte“
hat kein Vertrauen in einen Neubeginn der menschlichen Geschichte, da schon
am Beginn der ersten mit Kain ein Brudermörder steht. Er ist aus diesem Grund
froh über den Tod von Martinas Gefährten, denn dieser „hätte mit Martina ein
Rudel blasser, unterernährter Rotschöpfe aufgezogen, die schon in der ersten
Generation mit Steinen übereinander hergefallen wären“. (HN 98) Valencaks
Roman entzieht sich noch stärker als die Texte von Kühnelt, Becher, Geist und
Basil einer politischen Positionierung, welche von den beiden Lagern im Kalten
Krieg als Anspruch an die Literatur gestellt wurde. Während aus westlicher Per-
spektive die Schutzfunktion der atomaren Aufrüstung, und aus sowjetischer die
Schutzfunktion des Atomprotests betont wird, kümmert sich Valencaks Text
nicht um Fragen der Rüstung oder der Friedensbewegung, sondern er stattet
seine Figuren mit einer potentiell feindseligen Natur aus und setzt sie einer eben-
solchen Natur aus.
Ähnlich tagespolitikfern ist Marlen Haushofers Roman Die Wand (1963)
angelegt, in dem ein rätselhaftes Geschehnis eine unsichtbare Wand entstehen
lässt. Dadurch wird die Protagonistin von ihrer menschlichen Umwelt getrennt,
168 Basil: Kleiner Idiotenführer durch den „Führer“. Typoskript, LIT, Nachlass Otto Basil, Signa-
tur: 52/W1/4. Zum Teil zitiert in: Atze: Hitler und Holocaust im Konjunktiv, S. 120.
169 Günther Anders: Der Sprung [Blätter f. die dt. u. internationale Politik, August 1958]. In: Ders.:
Die atomare Drohung, S. 11–23, hier S. 17.
„Eine Genesis vom Ende.“ Atomapokalypsen in fiktionaler Literatur 347
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918