Page - 351 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 351 -
Text of the Page - 351 -
9 SPIONAGE
Auf einem überdimensionalen Panzerschrank im Kriegsministerium ist in Leucht-
schrift zu lesen: NOT TO BE SEEN BY ANYBODY! [...] Neuerdings tragen Geheim-
papiere den Stempel DBR. DESTROY BEFORE READING.1
Das Wissen vom Feind
„Wir wissen es eben. Wir wissen fast alles.“ (LV 201) „Fragen Sie nicht, woher
ich das weiß. Es stimmt.“ (LV 205) „Ich weiß es, das genügt doch, nicht wahr?“
(LV 32) „Das CIC weiß alles.“ (LV 471) Immer wieder wird in Johannes Mario
Simmels Lieb Vaterland magst ruhig sein (1965) die Frage nach der Herkunft des
geheimen Wissens brüsk abgeschnitten. Es entstammt offensichtlich dunklen
Kanälen, denn in Simmels „spy story“ steht ein opulentes Figurenensemble im
Zentrum, das sich zu einem Großteil aus Geheimdienstmitarbeitern oder von
Geheimdiensten erpressten Personen zusammensetzt. Der Schauplatz des Rom-
ans ist einer der Brennpunkte des Kalten Krieges, das geteilte Berlin, „the spy’s
eternal city“,2 auch als „the heart of the intelligence war between the United Sta-
tes and the Soviet bloc“3 bezeichnet. Zeitlich ist die Handlung um den dritten
Jahrestag der Mauererrichtung angesiedelt, sodass bereits durch das Setting jene
Trennung evident wird, die der Kalte Krieg konstruiert und die ihn konstituiert.
Genau diese Bipolarität zweier verfeindeter Seiten ist die Voraussetzung für Spi-
onageerzählungen, wobei beide Seiten glauben, dass ihre Situation durch ein
bestimmtes Wissen über die andere Seite entscheidend verbessert werden kann.
Im US-amerikanischen Raum werden dieses – militärisch und diplomatisch
vorteilhafte – Wissen, seine Produktion und Institution als ‚Intelligence‘ bezeich-
net: „What knowledge should the U.S. have about the future of other states in
order to have the requisite foresight?“4
Das Interesse an diesem (Insider-)Wissen über den Gegner entstand freilich
nicht erst im Kalten Krieg. „Espionage is the world’s second oldest profession“,
1 Dor, Federmann: Der politische Witz, S. 69.
2 John le Carré: The Secret Pilgrim. London: Hodder & Stoughton 1991, S. 22.
3 Donald P. Steury: Introduction. In: Ders. (Hg.): On the Front Lines of the Cold War. Docu-
ments on the Intelligence War in Berlin, 1946 to 1961. 2.
Aufl. Washington, DC: Center for the
Study of Intelligence 2000 [zuerst 1999], S. xi-xvi, hier S. xi.
4 Sherman Kent: Strategic Intelligence for American World Policy. Priceton/NJ: Princeton Univ.
Press 1953, S. 40.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918