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nen für die Neue Zeit, die oberösterreichische Ausgabe der kommunistischen
Volksstimme.29 Sein antifaschistischer Roman Achtunddreißig erschien 1967
im Ostberliner Aufbau-Verlag, weil sich in Österreich kein Verleger fand.30 Sein
Roman Der rosarote Straßenterror (1974), der in einem maoistischen Verlag in
Westberlin erschien, wendet sich gegen die Darstellung des kommunistischen
Oktoberstreiks in Österreich 1950 durch die Sozialdemokratie als Putschver-
such. Wiesinger propagierte die kommunistische Interpretation der Ereignisse,
die den Streik als brutal niedergeschlagene Unmutskundgebung der arbeitenden
Bevölkerung darstellte.
Zu dieser Biographie, die deutlich eine kommunistische Ausrichtung erken-
nen lässt, stehen die Atomspionage-Heftromane um den heroischen FBI-Agen-
ten Kommissar Grasill in krassem Widerspruch. So erklärt Grasills Kollege
McIntosh vom FBI diesem ihre gemeinsame Aufgabe, die im Schutz der ameri-
kanischen Vorrechte gegenüber der ‚ganzen übrigen Welt‘ besteht:
Wir arbeiten an einem großen Werk. Ganz Amerika baut an der Zeit, da die
Atomkraft uns jede Arbeit abnehmen wird. Da jeder Mensch nur in Läden zu
gehen braucht und sich für eine Bagatelle von Geld das kauft, was er möchte.
Das Leben wird zum Paradies, das wir uns dadurch wieder zurückerobern. Und
die Banditen der ganzen übrigen Welt sind hinter unseren Forschungsergebnissen
her. Sollen sie doch selber arbeiten daran, warum stehlen? Und leider haben wir
auch einige Verräter in unserem Land. Und das ist unsere Aufgabe: Schutz der
Atomforschung. (SO 42 f.)
Die Anschauungen des FBI-Agenten über Menschen, welche die Seiten wech-
seln, lassen ein Weltbild mit klaren Fronten erkennen:
‚Ja, ich achte Verräter, aber Verräter an der schlechten Sache. Denn sie beweisen,
daß sie mit Gewalt und unter Lebensgefahr Menschen bleiben wollen. Aber Ver-
räter an der guten Sache, um des Geldes Willen? Abscheulich! Das sind Tiere.‘
(SO 47 f.)
Grasill und seine Kollegen werden als sympathisch und kompetent dargestellt,
als Männer mit „Charakter und Herz“, (FAW 37). „Da war nichts umsonst und
keine Tat ohne Nerven, Gehirn und Herz.“ (GS 35). Dagegen heißt es über einen
29 Vgl. Walter Wippersberg: Ausgegrenzt, totgeschwiegen und diffamiert? Franz Kain, Karl Wie-
singer und die Linzer Literaturszene in der Nachkriegszeit. In: Alfred Pittertschatscher, Erich
Hackl (Hg.): Linz, Randgeschichten. Wien: Picus 2009, S. 67–115, hier S. 75.
30 Vgl. Helmut Neundlinger: Karl Wiesinger (13.3.1923–10.2.1991). In: Karl Wiesinger: Acht-
unddreißig. Wien: Promedia 2011, S. 363 f., hier S. 363.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918