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den aufzustellenden Maschinenpark und verschiedene technische Daten, die von
beruflichem Interesse für jeden Ingenieur wären, wissen die wenigsten. (GS 12)
Der Zugang zu Wissen wird genau geregelt, da die Spione und Saboteure, gegen
die das FBI eingesetzt wird, mutmaßlich schon in der Nähe lauern. In Wiesin-
gers Texten wird diese damals verbreitete Vorstellung bestätigt.
Das Element der Wissensseparation zum Schutz gegen feindliche Spionage fin-
det sich auch in Alfred Hellers Atomspionageroman Zwischen Gott und Teufel
(1952), der ebenfalls der Unterhaltungsliteratur zuzurechnen ist. Robert Werth,
Atomphysiker in einer US-amerikanischen Forschungsstätte und Atomspion für
eine von der UdSSR finanzierte Organisation, erklärt seiner Verlobten, deren Iden-
tität als Doppelagentin ihm allerdings unbekannt ist, die ‚Kompartmentalisierung‘:
Jeder von uns arbeitet streng in seinem Bereich, seinem Sektor. Den kennt und
beherrscht er. Was in den anderen vorgeht und sich ändert [...] davon erfahren
wir nichts oder nur das offiziell Zugelassene. [...] Nur die ganz wenigen, die an
der Spitze der Pyramide sind, sehen mehr und wissen mehr. Die allein kennen die
Zusammenhänge. (ZGT 19)
Die Romane Wiesingers und Hellers nutzen den Antagonismus der Großmäch-
te, der die Geheimhaltung von Wissen motiviert, aber auch immer raffiniertere
Methoden zu deren Durchbrechung, um erzählerische Spannung zu erzeugen.
Die zunächst unklaren Zusammenhänge der Ereignisse und das Maskenspiel
der Akteure liefern ein reiches Stoff- und Motivarsenal für handlungsgeleitetes
Erzählen. Dabei versucht der Autor offenbar allzu eindeutige Bezüge auf die his-
torische Situation zu vermeiden, was eine eindeutige Positionierung im Kalten
Krieg bedeutet hätte. Die Sowjetunion erscheint niemals explizit als Gegenspie-
ler des US-Geheimdienstes. In Achtung Atomspione. Särge für Ohio hat das FBI
es zunächst mit einer Verbrecherbande zu tun, hinter der eine nicht weiter
bestimmte Organisation oder ein Auftraggeber vermutet wird. In Froschmänner
am Werk ist der Gegner unklar:
Da hatte man es mit Burschen zu tun, die der unbekannten Macht auf Tod und
Leben verschrieben waren, und für die es kein Zurück gab, so nicht und da nicht.
Oder mit blinden Hassern der Demokratie oder, was auch vorkam, Hassern des
Amerikanismus, der für ihrem [sic!] engen Horizont zu groß war, zu schnell, zu
mächtig. (FAW 11 f.)
Es handelt sich also um eine „unbekannte Macht“, um manifesten Antiamerika-
nismus oder um schiere Demokratiefeindlichkeit. Weitere Überlegungen über
die rätselhafte feindliche Macht werden angestellt:
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
360 9 Spionage
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918