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Der Spionagediskurs in der Nachkriegszeit umfasst Ereignisse und Praktiken,
die mit starken Ängsten und Aversionen verknüpft waren. Spione konnten als
bedrohliche oder heroische Vertreter einer Großmacht oder Partei, oder als
deren Opfer konzipiert werden. Im Folgenden werden Spionagedarstellungen
in der österreichischen Literatur besprochen, die oft klare Wertungen enthalten
und die bipolare Logik von Freund und Feind perpetuieren. Dazu werden
zunächst Darstellungen dezitiert westlicher Spionagefiguren analysiert, anschlie-
ßend Darstellungen der Figur des ‚Ostspions‘. Abschließend folgt die Bespre-
chung von Texten, welche die Konstruktion des Feindbildes Spion kritisch reflek-
tieren oder auch dekonstruieren.
Der Spion, der aus dem Westen kam – Held und Verräter
Auguste (Wieghardt-)Lazars Kinder- und Jugendroman Sally Bleistift in Ameri-
ka (1935/1947) versucht seinem Lesepublikum eine klare Botschaft zu übermit-
teln. Die jugendlichen Identifikationsfiguren Redjacket und Billy betätigen sich
für eine im Untergrund agierende Arbeiterbewegung in den USA, indem sie
gemeinsam mit dem alten böhmischen Arbeiter Wenzel Swoboda kommunisti-
sche Flugblätter herstellen. Diese politische Tätigkeit wird von der Polizei ver-
folgt und muss geheim gehalten werden. Als die Polizei eines Tages unangekün-
digt eine Hausdurchsuchung bei Swoboda durchführt, ist die geheime Zelle in
Gefahr. Zum Glück für die Jugendlichen können sie die Schreibmaschine gera-
de noch verstecken, da sie von ihrem Freund Jim, einem dunkelhäutigen Spei-
sewagenkellner und Schwarzhändler, in konspirativer Manier gewarnt wurden.
Nachdem die Flugblattwerkstatt beinahe entdeckt worden wäre, machen die
Jungen sich Gedanken, wer sie „verpfiffen hat“ (SB 79). Jim erzählt, dass er soeben
den Restaurantbetreiber George Grosser angetroffen, und dass dieser sich auf-
fällig verhalten habe. Darauf angesprochen habe Grosser erzählt, dass Wenzel
in seiner Bar verhaftet worden wäre, was ihn als „Freund von den Arbeitern“
(SB 80) verstört habe. Jim kommentiert:
Na, ich kenne den George, ich weiß, daß es mit seiner Liebe zu den Arbeitern
nicht weit her ist. Ich wette hundert gegen eins, der Schuft hat die ganze Geschich-
urteil der amerikanischen Geschichte gefällt. Es gibt für diese Tatsache keine juristischen Grün-
de – es gibt nur einen politischen Grund.“ Fritz Jensen: Korea und zwei unschuldige Menschen.
Die wahren Hintergründe des geplanten Justizmordes. In: Tagebuch
8 (1953) H.
3, 31.1.1953,
S.
4. Der Text zum Bild einer bekümmert blickenden, sich eng aneinanderschmiegenden Fami-
lie lautet: N.N.: Das Gewissen der Welt revoltiert gegen den Justizmord. In: Tagebuch
8 (1953)
H.
12, 6.6.1953, S.
8. Die Berichte und Erwähnungen dieses Falls im Tagebuch dauern bis ins
Jahr 1955 an. Feindbild ‚Spion‘ – Ängste und Aggressionen im Spionagediskurs 367
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918