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uns mit zwei Detektive [sic!] und Polizeihund!“ (GG 169) Die beiden Waisenkin-
der werden so zu scheinbar ernstzunehmenden Gegnern: „Es müssen ganz gehau-
te Spürhunde sein! Kein Teufel könnt ihnen ankennen, daß sie etwas anderes sind
als Schulbuben.“ (GG 170)67 Die vermeintliche Fahndung nach unerlaubten Gren-
zübertritten mittels „kleine[r] Kinder“ (GG 172) erscheint den Schmugglern sogar
heimtückischer als die Bedrohung der Grenzgänger durch Maschinenpistolen und
Bluthunde im Osten. Ein Bandenmitglied ruft aus: „[E]s sind Spione! Sie gehören
abgemurckst!“ (Ebd.) Ein anderes Bandenmitglied ist hingegen der Ansicht, da
Mac und Dick erst an die zehn Jahre alt sind, könnte man sie nicht als Agenten
zählen: „So kleine Spione gibt es nicht, obschon man auf alles gefaßt sein muß!
Aber sie können die Kinder eines Spions sein!“ (GG 173)
Die jugendlichen Helden identifizieren sich bewusst mit der Rolle der Spione
und hinterlassen in aller Naivität eine Drohbotschaft für die Schmuggler: „Stefan
Feri Nuschi [Namen der Schmuggler, Anm. d. Verf.] werten mit dem Tod erscho-
sen! Mac un Dick, Schbione, Hir gewäsen.“ [sic!] (GG 179) Ganz offensichtlich ist
dieses gefährliche Spionagespiel der Kinder von der populären Thriller-Literatur
inspiriert, in der der westliche Spion als positiver Held fungiert, der gefährliche
Verbrecher zur Strecke bringt.68 Während im kommunistischen Jugendbuch Lazars
der Spion als Figur der inneren Bedrohung erscheint, den es auszuschalten bzw.
zu bestrafen gilt, fungiert er in Kellers antikommunistischem Roman als vorbild-
hafter Held und Identifikationsfigur im Kampf gegen Kriminelle.
Ebenso eindeutig wie Sally Bleistift in Amerika positioniert sich Susanne Wan-
tochs Roman Das Haus in der Brigittastraße (1955), in dem die Spionagetätigkeit
für den amerikanischen Geheimdienst CIC als verwerfliches Verhalten darge-
stellt wird, während Spionageaktivitäten für den Osten mit keinem Wort erwähnt
werden. Die Figur des weltanschaulich zunächst wenig gefestigten Kunstmalers
Ferdinand Krenek wird von seinem Kollegen Leo Leitner, der für den CIC arbei-
tet, zur Spionage angeworben:
„Du hast doch so eine Vorliebe für armselige Häuser und für Proletenviertel –“
„Vorliebe? Ich weiß nicht – ich mal halt, was mich interessiert und was der Zeit, in
der wir leben, entspricht.“ „Sehr richtig! Wir würden dich auf besonders interessan-
te und zeitentsprechende Objekte aufmerksam machen.“ „Wer ist wir?“ „Also bitte
– ich. Ich würde dich auf besonders interessante Objekte aufmerksam machen – in
dem Bezirk, in dem du wohnst, gibt es zahlreiche solche Objekte. Du wirst dich mit
67 Die Gleichwertigkeit der Kinder mit ihren erwachsenen Gegnern wird unterstrichen, indem
sie als „Spürhunde“ bezeichnet werden und damit dieselbe Bezeichnung erhalten wie auch
einer der Schmuggler (vgl. GG 119). Auch der souveräne Umgang der Kinder mit Waffen beein-
druckt die Gangster (vgl. GG 98): „Mit dem Knallrohr bist du verdammt vertraut!“
68 Vgl. Cawelti, Rosenberg: The Spy Story, S. 37 f.
Feindbild ‚Spion‘ – Ängste und Aggressionen im Spionagediskurs 369
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918