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Der Kampf um das geheime Wissen zerreibt den Wissensträger „zwischen
den Fronten“. Der Auslöser dieses Vorgangs ist der Agent, der mit dem kriegs-
wichtigen Wissen handelt und operiert, und der im Text als heimtückische,
machtgierige Persönlichkeit gezeichnet wird, die den skrupellosen Machtkampf
der Großmächte für ihre persönlichen Zwecke auszunutzen bestrebt ist. Ebenso
wie in Donauballade wird die Figur des Spions als Repräsentant des Ostens mit
negativ wertenden Attributen wie Dämonie, Bedrohlichkeit und moralischer
Verwerflichkeit verbunden, obwohl die Stückintention in beiden Texten nicht
primär auf eine explizite politische, sondern wesentlich mehr auf eine emotio-
nalisierende Wirkung abzielt. Spionagegeschichten ermöglichen eben auch einen
hohen Grad an Spannung und Dramatik.
Staatsparanoia in Die Kleinen und die Großen
Während in den bisher genannten Texten Spione als Figuren auftauchen, die
tatsächlich für eine Seite im Kalten Krieg engagiert sind, zeigt Ulrich Becher in
seiner Zauberposse Die Kleinen und die Großen (1955) Spione als Produkte para-
noider Feindbildgenerierung durch eine Diktatoren-Figur, die ständig in der
Furcht lebt, von Feinden ausspioniert zu werden. Eine solche Furcht und ent-
sprechende Gegenmaßnahmen sind besonders für die Sowjetiunion, aber auch
für die USA als Atommacht kennzeichnend. Bechers Posse nimmt so einen
Aspekt der Politik beider Großmächte des Kalten Krieges aufs Korn.
Die Antiheldenfigur General Valdemario Adolar hat die neueste, fiktive Atom-
waffengattung, die Zinnoberbombe, die ihm die Weltherrschaft sichern soll,
unter seine Gewalt gebracht und lebt nun in ständiger Angst vor dem Diebstahl
seines geheimen Wissens und damit seiner Machtquelle. Den einzigen Mitwis-
ser, den deutschen Physiker und Entwickler der Waffengattung, hat der Diktator
bereits eigenhändig getötet, jedoch vermutet er überall Gefahr. Vom Chef seines
Geheimdienstes wünscht er
[…] ein radikaleres Durchgreifen gegen die subversiven Elemente im Inland, die
Hand in Hand arbeiten mit landflüchtigen Hochverrätern […]. Seit gestern wie-
viele Verhaftungen?
BUBÓN GRANDE: Hundertneunundachzig in Quion City nebst Bannmeile.
ADOLAR: Wieviele in Cantagallo an Zinnoberspionen vollstreckte Todesurteile
in diesem Monat?
BUBÓN GRANDE: Bisher dreizehn, Vuestra Excelencia Absolutissima. (KG 303)
Bechers satirisches Drama bildet einen Zerrspiegel der Angst der beiden Groß-
mächte vor Atomspionage und ihrer undemokratischen, ja fallweise brutalen
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
374 9 Spionage
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918