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Ist in der Marxbüste bei meinem Sohn‘ – und dann wars zu End.
Moritz: Dokument in der Marxbüste beim Sohn?
Magere Information,
Worum handelt es sich bei dem Coup?
Chef: Das kann ich nicht sagen, denn unsere Stellen
bekommen so viele Informationen von linksgerichteten [?] amerikanischen In-
tellektuellen,
Ueber neue Legierungen, monetarische Bindungen,
gestürzte Regierungen, nuklearische Zündungen,
Dass sie den Ueberblick verlieren,
Und erst daran erkennen, was wirklich ist, dass die U.S.Spionage versucht, es bei
uns auszuspionieren. (MM Startschuss, 3 f.)
Die Spionagetätigkeit der US- und der Sowjetagenten ist hier nicht so sehr auf
ein konkretes Wissen als vielmehr aufeinander bezogen, wodurch die zirkuläre
Generierung der Spionagepraxis angesprochen wird. Das Geheimnis des Niko-
lasch ist nur dadurch existent, dass er es angekündigt und bereits eine Million
Dollar dafür kassiert hat. Moritz hat nun die Aufgabe, die Marxbüste bei Niko-
laschs Sohn zu finden, wobei sich herausstellt, dass dieser fünf Söhne hatte, die
auf die Länder Jugoslawien, Sowjetunion, USA, Schweiz und Österreich verteilt
sind, was Gelegenheit gibt, kabarettistische, oft plump-klischeehafte Scherze
über diese Länder vorzubringen. Als das Dokument schließlich gefunden wird,
verweist auch dieses wieder auf die Spionage selbst:
Dies ist das grosse [sic!] Geheimnis der internationalen Spionage, nach dem alle
erfolgreichen Agenten auf dieser Welt arbeiten. Immer wenn es galt, einen beson-
ders schwierigen, einen unlösbar scheinenden Auftrag zu erledigen, habe ich mich
an den bedeutendsten Agenten der Gegenseite gewendet – an Lupescu. [...] Und
was haben wir getan? Wir haben einfach unsere Informationen ausgetauscht, ein
unblutiges Verfahren, ein rasches Verfahren, ein lukratives Verfahren. [...] Denn
bei der Spionage kommt es weniger darauf an, dass man erfährt, was die anderen
wissen, als dass die eigenen Leute nicht wissen, wo man es herhat. (MM V, 12)
Die behauptete Funktion der Spionage, strategisch wertvolles Wissen von der
Gegenseite zu erlangen, ohne selbst welches preiszugeben, wird von den beiden
Top-Agenten ausgehebelt, indem sie einander die gewünschten Informationen
geben, ohne dass es ernsthafte Folgen hätte oder einer der beiden Seiten einen
Vorteil verschaffen würde. Zu täuschen sind nicht die anderen, sondern die eige-
nen Leute, damit dieses System funktioniert. Ein zentrales Paradigma des Kalten
Krieges wird also hier nicht ernst genommen.
Spionageparodien, -satiren, -grotesken 391
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918